Samstag, 11. April 2015

Joe R. Lansdale – „Akt der Liebe“

(Heyne, 287 S., Tb.)
An einem Montag kurz nach Mitternacht findet der schwarze Säufer Smokey in einer Gasse des Houstoner Ghettos Pearl Harbor die schrecklich zerstückelte Leiche von Bella Louise, die ihm vor einer Stunde noch für fünf Dollar Erleichterung verschafft hat. Wenig später trifft auch Philip Barlowe am Tatort ein. Der Reporter unterhält im Houston Bugle mit „Houston: Crime Scene“ eine eigene erfolgreiche Kolumne und verweist in seiner Aufsehen erregenden Berichterstattung auf Insiderinformationen aus Polizeikreisen. Barlowe nennt den Killer Houston Hacker und sieht diesen in der Nachfolge Jack the Rippers. Der Hacker wendet sich mit Briefen sowohl an Barlowe als auch an die Cops und kündigt weitere Gräueltaten an.
Dem ermittelnden Detective Marvin „Gorilla“ Hanson kommt diese sensationslüsterne Zeitungsmache überhaupt nicht entgegen. Zusammen mit seinem Partner Joe Clark macht er sich auf die Jagd nach dem Hacker, der eine seltsame Erregung verspürt, wenn er sich an öffentlichen Orten an Frauen vergeht. Fast scheint es, als wolle er geschnappt werden. Hanson nimmt der Fall immer stärker mit. Er entfremdet sich von seiner Frau und Tochter, schläft kaum noch, treibt sich nachts auf den Straßen herum. Schließlich deutet alles darauf hin, dass der Killer es auch auf Hansons Familie abgesehen hat …
„Und langsam näherte sich sein Element, die Nacht, sie kroch heran, schwarzer Samt voller Geräusche der Stadt und ihrer Gerüche … und wie einzelne Diamanten, die auf der samtenen Dunkelheit lagen, waren da die Frauen. Huren, jede Einzelne von ihnen. Und wenn er könnte, wenn er genug Zeit hätte in einer Nacht, würde er sie alle vom Samt klauben und den Stoff ohne das Glitzern zurücklassen, voller Dunkelheit … und rotem, rotem Blut.“ (S. 103) 
Als Joe R. Lansdale 1981 „Akt der Liebe“ erstmals veröffentlicht sah, hat er die seiner Meinung nach eher mittelmäßigen Detektiv-, Western- und Science-fiction-Abenteuer hinter sich gelassen, an denen er sich zuvor versucht hatte, und eine Tür aufgestoßen, die den Weg beispielsweise zu Thomas Harris‘ „Hannibal“-Reihe und dem Slasher-Genre ebnen sollte. „Akt der Liebe“ präsentiert sich dabei als echter Rohdiamant. Mit ungeschliffener Sprache begleitet Lansdale in seinem stakkatoartigen Plot nicht nur einen soziopathischen Killer mit nekromantischen Neigungen bei seinem Blutrausch-Treiben, sondern beobachtet auch, wie diese abscheuliche Mordserie einen Cop an den Rand der Verzweiflung treibt. Und schließlich bekommt auch die Sensationsgier der Medien ihr Fett weg, die sich damit rechtfertigen, nur die Nachfrage ihres Publikums zu befriedigen.
Die Vernetzung von Verbrechen und ihrer Aufklärung, der Zersetzung von moralischen und familiären Werten sowie die Rolle der Medien bei diesem Zusammenspiel würden durchaus einen weitaus umfangreicheren, psychologisch fundierteren und atmosphärisch dichteren Roman nahelegen.
So wirkt „Akt der Liebe“ wie die erste Fingerübung eines Autors, der mittlerweile zu den ganz Großen seines Genres zählt, aber eine, die in ihrer Radikalität und Schärfe dem Leser den Geruch von Blut direkt in die Nase treibt. Ein Vorwort von Andrew Vachss und ein Nachwort von Lansdale selbst beschreiben den Stellenwert von „Akt der Liebe“ für das Horror-Genre und für die Entwicklung des Autors, der durch Heyne Hardcore endlich einer breiteren Leserschaft bekannt gemacht wird.
Leseprobe Joe R. Lansdale - "Akt der Liebe"

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