Freitag, 3. April 2015

John Katzenbach – „Der Psychiater“

(Droemer, 573 S., HC)
Nach 99 trockenen Tagen befürchtet der Historiker Timothy Warner, wieder rückfällig zu werden, weshalb er sich mit seinem Onkel zum Treffen der Anonymen Alkoholiker in der First Redemption Church verabredet. Als dieser aber nicht in der Redeemer One, wie sie die Kirche scherzhaft nennen, auftaucht, macht sich Moth, wie Timothy seit der Highschool genannt wird, auf dem Weg zur Praxis seines Onkels und trifft ihn erschossen in seinem eigenen Blut liegend vor. Auch wenn die Polizei unter Leitung der Staatsanwältin Susan Terry, die wegen ihres Kokain-Problems ebenfalls zu den AA-Treffen in der Redeemer One geht, von einem Selbstmord ausgeht, ist sich Moth ebenso sicher, dass sein Onkel ermordet wurde.
Weil er nicht weiß, wie er seinen Plan, den Mörder zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen, umsetzen soll, wendet sich Moth an seine Ex-Freundin Andrea, die nach dem Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft selbst nicht ganz bei sich ist. Bei ihren Recherchen stoßen sie bald auf weitere Fälle, in denen Studienkollegen von Timothys Onkel unter ähnlich mysteriösen Umständen zu Tode gekommen sind.
Von Jeremy Hogan, dem damaligen Dozenten der vier betroffenen Psychiater, erhoffen sich Moth und Andy endlich die Hinweise, die sie zum bislang so cleveren Killer führt.
„Moth wusste nicht weiter. Fieberhaft überlegte er, wie er das Gespräch fortsetzen sollte. Die Fragen, die er an Professor Hogan hatte, kamen alle auf einmal und steckten ihm im Halse fest. Er suchte nach Antworten und brachte kein Wort heraus. So sicher er war, sich auf der richtigen Spur zu befinden, hatten ihm alle befragten Personen bisher nicht die ersehnten Fakten oder Zeugen liefern können. Doch die Stimme in der Leitung war anders. Sie hatte Gewicht.“ (S. 240) 
Schließlich können Moth und Andy auch Susan Terry dazu bewegen, den Fall noch einmal zu untersuchen und sie bei der Suche zu unterstützen. Es hat den Anschein, als jagten sie ein Phantom. Doch das hat schon längst die Fährte seiner Verfolger aufgenommen …
Der ehemalige Gerichtsreporter John Katzenbach hat sich mit Bestsellern wie „Der Patient“ und „Die Anstalt“ in die erste Liga amerikanischer Spannungsautoren geschrieben. Wie in seinen vorangegangenen Werken entwickelt Katzenbach auch in seinem neuen Psychothriller „Der Psychiater“ vom ersten Satz an einen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Im Gegensatz zu spektakulären Wendungen, die seine Kollegen zum Finale hin oftmals konstruieren, um die Spannungsschraube noch mal anzuziehen, darf sich Katzenbach ganz auf sein Geschick verlassen, die ausgefeilte Psychologie seiner Figuren in der Arena auf sich wirken zu lassen.
Vor allem im zweiten Teil, der treffenderweise mit „Wer ist die Katze und wer die Maus“ untertitelt ist, ist es spannend zu verfolgen, wie die mit ihren eigenen Problemen kämpfenden Moth und Andy gemeinsam zu einem effizienten Team werden, mit dem der Killer zu rechnen hat.
Auch wenn die Umstände ihrer Ermittlungen manchmal etwas unglaubwürdig wirken, ist das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden Jung-Akademikern und dem ominösen „Student Nr. 5“ fesselnd geschrieben, wobei Katzenbach vor allem die psychologischen Motivationen gut herausgearbeitet hat und seinen Leser so einen packenden Pageturner präsentiert.
Leseprobe John Katzenbach - "Der Psychiater"

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