Donnerstag, 14. Mai 2015

Jim Thompson – „Jetzt und auf Erden“

(Heyne, 334 S., Tb.)
San Diego in den 1940er Jahren. James „Dilly“ Dillon hat schon in jungen Jahren einige Geschichten für gutes Geld verkaufen können, doch seit er mit einer Schreibblockade zu kämpfen hat, muss er sich und seine Familie mit schlecht bezahlten Handlanger-Jobs herumschlagen. Als er in einer Flugzeugfabrik anfängt, überrascht er seine Vorgesetzten mit einigen Verbesserungsvorschlägen und steigt schnell zum Lagerbuchhalter auf, was die Missgunst seiner Kollegen auf sich zieht. Allerdings ist die Arbeit auch so ermüdend, dass Dilly kaum dazu kommt, seine Schriftsteller-Ambitionen ernsthaft verfolgen zu können.
In dem viel zu kleinen Haus, wo er mit seiner Mutter, seiner Frau Roberta und den drei Kindern lebt, hat er nur sporadisch Zeit, auf der Toilette an einer Geschichte zu schreiben, aber außer Stückwerk kommt dabei nicht heraus. Immer wieder muss er an seinen Vater denken, der nach Ölquellen bohrte und ab und an sogar richtig viel Geld mit nach Hause brachte, und an bessere Zeiten, als er Storys für über tausend Dollar im Monat verkaufte, Direktor beim Writer’s Project wurde und eines von zwei Stipendien im Jahr von der Stiftung bekam.
„Und, fragte ich mich, warst du jemals glücklich? Hast du jemals deinen Frieden gehabt? Natürlich nicht, um Himmels willen. Du warst immer in der Hölle. Du bist nur noch tiefer gesunken. Und das wird so weitergehen, weil du wie dein Vater bist. Wie dein Vater ohne dessen Durchhaltevermögen. In ein, zwei Jahren haben sie dich in der Klapse. Weißt du nicht mehr, wie es mit deinem Vater abwärtsging? Genau wie bei dir. Ganz genau wie bei dir. Zornig. Sprunghaft. Trübsinnig. Und dann – na, du weißt es ja. Ha, ha. Du weißt es doch, verdammt.“ (S. 36) 
Als schließlich noch Dillys völlig abgebrannte Schwester Marge in den Schoß der Familie zurückkehrt, droht seine Welt vollends in Streit und Chaos zu versinken …
Obwohl Jim Thompsons Debütroman „Jetzt und auf Erden“ aus dem Jahre 1942 ebenso wie spätere Werke wie „Die Verdammten“, „In die finstere Nacht“ und „Blind vor Wut“ in wunderbar einheitlicher und ansprechender Aufmachung in der Heyne-Hardcore-Reihe erschienen ist, hat diese autobiografische Tour de Force noch wenig mit den finsteren Noir-Geschichten zu tun, mit denen der 1906 in Anadarko, Oklahoma, geborene Thompson zu einem der führenden Vertreter des Genres werden sollte. Finster ist trotzdem der Grundton, den Thompson in seinem längst zum Klassiker avancierten Werk anschlägt. Ebenso wie er selbst nach frühen Erfolgen als Schriftsteller sich als Glücksspieler, Sprengstoffexperte, Ölarbeiter und Alkoholschmuggler durchschlug, schlägt sich auch sein Alter Ego James Dillon mehr schlecht als recht durchs Leben.
„Jetzt und auf Erden“ präsentiert sich nicht als düsterer Krimi, besitzt keine Spannungsbögen oder knifflige Wendungen. Es ist die fast schon lapidare Ich-Erzählung eines schriftstellerischen Talents, dem irgendwann im ermüdenden Alltagstrott die zündenden Ideen und der Schwung ausgehen, lesenswerten Stoff zu produzieren. Thompson bedient sich dabei einiger Rückblenden, um die Geschichte seiner unglückseligen Familie und vor allem seine schwierige Beziehung zum eigenen Vater aufzudröseln, während die Gegenwart ganz im grauen Staub der Fabrikarbeit versinkt.
Er nimmt sich die Freiheit, seitenlang über die Abläufe in der Flugzeugfabrik zu schreiben, wohl wissend, den Leser auf eine Geduldsprobe zu stellen. Doch gerade mit der ausführlichen Beschreibung alltäglicher Routinearbeiten macht der Autor deutlich, wie Träume und Talente mit der Zeit aufgerieben werden können.
In seinem interessanten Vorwort weist Stephen King treffend darauf hin, dass Thompsons Romane „erschreckende Abbilder des kleinstädtischen Schmerzes, der Scheinheiligkeit und Verzweiflung“ sind. Besser lässt sich auch „Jetzt und auf Erden“ kaum beschreiben.
Leseprobe Jim Thompson - "Jetzt und auf Erden"

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