Sonntag, 22. Mai 2016

James Lee Burke – (Weldon Holland: 1) „Fremdes Land“

(Heyne, 576 S., Pb.)
Während sein Vater auf Arbeitssuche bei einer Pipeline in Osttexas gewesen war, von der er nie zurückkehrte, lebte Weldon Avery Holland 1934 mit seiner mental angeschlagenen Mutter und seinem Großvater Hackberry Holland zusammen. Der fast zwei Meter große Mann hatte es als Gesetzeshüter mit Verbrechern wie Bill Dalton und John Wesley Hardin aufgenommen und ließ sich auch im fortgeschrittenen Alter von niemandem einschüchtern, auch nicht von dem Gangsterpärchen Bonnie Parker und Clyde Barrow, die nach einem Bankraub auf seinem Grundstück kampiert haben und denen der junge Weldon mit dem Gewehr ein Loch in die Heckscheibe ihres Autos schoss.
Zehn Jahre nimmt der frisch gebackene Lieutenant Weldon Holland an der Ardennenoffensive teil, kommt knapp mit dem Leben davon und bewahrt auch seinen Sergeant Hershel Pine und die jüdische Kriegsgefangene Rosita Lowenstein vor dem sicheren Tod. Als sie nach Kriegsende gemeinsam nach Texas zurückkehren, gründen Weldon und Hershel 1946 die Dixie Bell Pipeline Company, doch der anfängliche Erfolg führt die Mächtigen auf den Plan.
„Wir waren am Ziel, die technischen Möglichkeiten unserer Nation sprengten alle Grenzen. Die Raffinerien, die wie Juwelen an der Küste von Texas funkelten und ihren Rauch gleich außerirdischen Fabriken in die große amerikanische Nacht entsandten, waren kein Schandfleck, sondern die konsequente Fortführung von Walt Whitmans Ode an die Verheißung der Vereinigten Staaten.“ (S. 141) 
Roy Wiseheart ist es gewohnt, alles zu bekommen, wonach ihm gerade ist, und lässt es natürlich nicht auf sich beruhen, als Weldon sein Fusionierungsangebot ausschlägt. Wenig später erhält Hershels attraktive Frau Linda Gail eine Rolle in einem von Wiseheart co-produzierten Film und beginnt eine Affäre mit dem mächtigen Mann, während ein unangenehmer Cop namens Hubert Slakely das Leben der beiden Pärchen zunehmend zur Hölle macht …
Nach seinen Reihen um Kleinstadtanwalt Billy Bob Holland und dessen Cousin, Sheriff Hackberry Holland, eröffnet der aus Louisiana stammende Schriftsteller James Lee Burke mit „Fremdes Land“ ein weiteres Kapitel der Holland-Familienchronik, diesmal mit Hackberry Hollands Enkel Weldon, dessen Werdegang von seiner Kindheit, über den Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Einstieg ins riskante Ölgeschäft nachgezeichnet wird.
Weldon agiert dabei als Ich-Erzähler, doch auch andere Personen berichten in einzelnen Kapiteln aus ihrer Perspektive. Dabei entwickelt sich wie bei Burke üblich ein dichtes Geflecht aus Liebe, Lügen, Gewalt und Verrat, ohne dass seine Figuren in schlichten Schwarz-Weiß-Kategorien einzuordnen sind. Vor allem der mächtige Roy Wiseheart und sein eher im Hintergrund agierende Vater Dalton Wiseheart bleiben bis zum Ende mit ihren Schachzügen undurchsichtig.
Weldon und damit auch der Leser wissen nur um die raffiniert geknüpften Schlingen, die sich von mehreren Seiten aus um die Hälse seiner engsten Vertrauten ziehen. Sehr anschaulich beschreibt der Bestseller-Autor die Aufbruchsstimmung, die das Ölgeschäft bei risikofreudigen Abenteurern auslöst, wie sie zu Geld und Anerkennung kommen, wie sie aber auch in das Visier mächtiger Neider geraten, die überhaupt nicht zimperlich bei der Wahl ihrer Mittel und Waffen sind, um ihre Besitztümer zu schützen. Dabei wechseln sich Passagen von poetischer Schönheit und brutaler Gewalt ebenso ab, wie die Figuren zwischen Glück, Liebe, Hoffnung, Wut, Schmerz und Trauer wanken.
Leseprobe James Lee Burke - "Fremdes Land"

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen