Montag, 30. Mai 2016

Stephen King – „Stark – The Dark Half“

(Hoffmann und Campe, 477 S., HC)
1960 war der in Bergenfield, New Jersey, geborene Thad Beaumont elf Jahre alt. Das Jahr war insofern prägend für sein späteres Leben, weil er nicht nur eine Urkunde von „American Teen“ für seine Kurzgeschichte „Outside Marty’s House“ erhielt, sondern auch von starken Kopfschmerzen gepeinigt wurde, die sich durch ein Phantomgeräusch ankündigten, das wie das Tschilpen Tausender kleiner Vögel anhörte.
Als Dr. Pritchard den vermutlich gutartigen Tumor, der durch den dunklen Schatten auf dem Röntgenbild verkörpert wurde, entfernen wollte, stieß er auf ein blindes Auge und weitere Körperteile eines vermutlich nicht vollständig absorbierten Zwillings. 28 Jahr später lebt Thad mit seiner Frau Liz und den beiden Zwillingen Wendy und William in Ludlow und blickt auf eine wechselhafte Schriftstellerkarriere zurück.
Mit seinem Debütroman „The Sudden Dancers“ war er 1972 für den National Book Award nominiert, konnte mit seinem nächsten Roman aber nicht mehr an diesen Erfolg anknüpfen. Dafür schafften es die drei harten Thriller, die Thad unter dem Pseudonym George Stark ab 1975 veröffentlichte, jeweils mühelos auf die Bestsellerlisten. In einem „People“-Artikel wird das Geheimnis von George Stark allerdings gelüftet. Für die Fotografin posieren Thad und Liz vor einem eigens gestalteten Grabstein mit der Inschrift „George Stark – 1975-1988 – Kein angenehmer Zeitgenosse“ auf dem Homeland-Friedhof in Castle Rock, wo die Beaumonts auch ein Sommerhaus am Ufer des Castle Lake besitzen.
Zuvor hatte der Student Frederick Clawson die wahre Identität von George Stark erkannt und Beaumont entsprechend erpresst. Doch mit der Beerdigung von George Stark ist vor allem der vermeintlich Verstorbene nicht einverstanden, der sich auf einmal körperlich manifestiert hat und alle Menschen umbringt, die mit seiner Beerdigung zu tun haben.
Sheriff Alan Pangborn, der anfangs noch Thad verdächtigt, den Einheimischen Homer Gamache umgebracht zu haben, muss im Laufe seiner Ermittlungen auch zugeben, dass unheimliche Dinge vor sich gehen. Und George Stark setzt alle Hebel in Bewegung, in seinen Büchern wieder zum Leben erweckt zu werden.
„Welches Recht hatte dieser Mistkerl, sich seiner zu entledigen? Welches gottverdammte Recht? Weil er schon vor ihm ein realer Mensch gewesen war? Weil Stark selbst nicht wusste, warum und wann er seinerseits in die Realität eingetreten war? Das war Unsinn. Was George Stark anging, hatte Anciennität nicht das Geringste zu besagen. Es war nicht seine Aufgabe, sich einfach hinzulegen und widerspruchslos zu sterben, was Beaumont offenbar von ihm erwartete. Seine Aufgabe war vielmehr, am Leben zu bleiben. Das war er schon seinen Lesern schuldig.“ (S. 339) 
Nach seiner Novelle „Die Leiche“ und den beiden Romanen „The Dead Zone“ und „Cujo“ war „Stark – The Dark Half“ aus dem Jahr 1989 der dritte Roman des bis heute fortdauernden Zyklus von Geschichten, die in der fiktiven Stadt Castle Rock angesiedelt sind. Bedeutsamer ist allerdings die Tatsache, dass Stephen King mit diesem Roman die Aufdeckung seines eigenes Pseudonyms Richard Bachman verarbeitet hat. Davon abgesehen bietet „Stark“ vor allem Einsichten in den schriftstellerischen Schaffensprozess, kommentiert Verlagswesen und Publikumsgeschmack und ruft durch die zu Tausenden auftretenden Sperlinge Reminiszenzen an Hitchcocks „Die Vögel“ wach.
In erster Linie bietet der Roman aber erstklassige Spannungsliteratur, der in einem geschickt konstruierten Showdown gipfelt und 1990 kongenial durch Horror-Papst George Romero („Die Nacht der lebenden Toten“) mit Timothy Hutton in der Hauptrolle verfilmt worden ist.

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