Donnerstag, 26. Mai 2016

Fabio Volo – „Noch ein Tag und eine Nacht“

(Diogenes, 299 S., Tb.)
Der fünfunddreißigjährige Giacomo ist es gewohnt, Frauen, die ihm gefallen, sofort kennenzulernen, um sie vor allem ins Bett zu kriegen. An festen Beziehungen ist er nie so recht interessiert. Bei der Frau in der Straßenbahn ist es anders. Zwei Monate lang beobachtet er die geheimnisvolle Unbekannte, tauscht mit ihr ein angedeutetes Lächeln und stumme Blicke. Er fragt sich, ob man sich in einen Menschen verlieben kann, den man nicht kennt, sondern nur täglich auf dem Weg zur Arbeit in der Straßenbahn sieht. Sie anzusprechen traut er sich nicht.
Eines Tages macht sie den ersten Schritt, lädt Giacomo auf einen Kaffee ein. Sie stellt sich als Michela vor und erzählt ihm, dass sie aus beruflichen Gründen am nächsten Tag nach New York zieht. Giacomo ist entsetzt, bekommt Michela nicht mehr aus seinem Kopf und beschließt, für ein paar Tage nach New York zu fliegen, obwohl er davon ausgeht, dass sie nicht allein nach New York gegangen ist. Tatsächlich freut sich Michela über seinen Besuch, und die beiden lassen sich auf ein ungewöhnliches Spiel ein.
„Ich wollte mich völlig meinen Gefühlen hingeben, keine Worte, Gesten und Aufmerksamkeiten abwägen müssen. Mich nicht zurückhalten müssen. Wollte die Freiheit zu sein, wie ich wollte. Ohne die Angst, jemanden zu enttäuschen, ohne die Angst, Reißaus nehmen zu müssen. Michela war dafür genau die Richtige. Es war seltsam, aber durch dieses Spiel konnte ich nicht falsch verstanden werden, und ich musste keine Versprechungen machen.“ (S. 157) 
Mit seinem vierten Roman „Noch ein Tag und eine Nacht“ erweist sich der italienische Bestseller-Autor Fabio Volo einmal mehr als Romancier der großen Gefühle. Doch statt kitschig die romantischen Klischees einer Liebesgeschichte wiederzukäuen, nimmt er den Leser auf eine abenteuerliche Reise mit, die dem Schreiben über die Liebe ganz neue Facetten abgewinnt.
Mit Giacomo hat der Autor einen durch und durch sympathischen Ich-Erzähler geschaffen, der ganz reflektiert seine Beziehungen zu Frauen zu analysieren versteht, der mit liebevollen Erinnerungen an seine Kindheit zurückdenkt und Freundschaften auch zu durchaus nervigen, aber aufmerksamen Menschen zu pflegen versteht.
Wie Giacomos Alltag und Gefühlsleben durch die eigenartige Beziehung zu Michela durcheinandergebracht wird, wie diese seinen Mut und seine Offenheit beflügelt, ist einfach luftig leicht und wunderschön geschrieben, wobei die spritzigen Dialoge zwischen Giacomo und Michela beweisen, dass es sich hier tatsächlich um eine ganz außergewöhnliche Beziehung und vor allem eine ebensolche Geschichte handelt, wie sie nur Fabio Volo schreiben kann.
Leseprobe Fabio Volo - "Noch ein Tag und eine Nacht"

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