Samstag, 11. März 2017

Cynan Jones – „Alles, was ich am Strand gefunden habe“

(Liebeskind, 237 S., HC)
Der polnische Emigrant Grzegorz hat in einer walisischen Küstenstadt auf ein besseres Leben für sich und seine Familie gehofft, kommt mit seiner Arbeit in einem Schlachthof aber mehr schlecht als recht gerade so über die Runden. Da kommt ihm das Angebot, als Fahrer eines Bootes für eine Kurierfahrt etwas hinzuzuverdienen, mehr als gelegen.
Auch der einheimische Garnelen-Fischer Hold träumt von einem glücklicheren Leben, trauert aber auch seinem besten Freund Danny nach, der vor drei Jahren gestorben ist und Hold das Versprechen abnahm, sich um seinen Sohn Jake zu kümmern, aber er kann nicht verhindern, dass das Haus, in dem der Junge mit seiner Mutter Cara lebte, wahrscheinlich verkauft werden muss.
Ebenso wie Grzegorz wartet Hold auf die einmalige Chance, aus seinem Leben etwas zu machen, genug Geld zu verdienen, um für Cara und Jake sorgen zu können. Als er am Strand ein Boot mit einer Männerleiche entdeckt, fallen ihm drei Drogen-Päckchen in die Hände.
„Er hatte dieses Bild von Cara vor sich gehabt, wie sie mit dem Hals in einem Netz steckte und sich bis zur Erschöpfung abkämpfte. Von seiner Mutter. Greif zu, dachte er. Greif zu und versuch, etwas daraus zu machen. Sonst stehst du wieder nur da und schaust zu.“ (S. 100) 
Doch als Hold die Drogen zu Geld machen will, läuft die Sache aus dem Ruder …
Aus der Perspektive zweier Männer, die nichts anderes vom Leben kennen, als zu arbeiten und mit ihrem kümmerlichen Lohn weit davon entfernt sind, ihre Träume verwirklichen zu können, beschreibt der walisische Schriftsteller Cynan Jones („Graben“) den harten Überlebenskampf und von den Träumen, irgendwie an so viel Geld zu kommen, dass das Elend hinter sich gelassen werden kann.
Die Handlung gerät dabei fast in den Hintergrund und wird auch nicht mit Tempo vorangetrieben. Der verpatzte Drogendeal dient nur als Aufhänger für das vermeintliche Glück, das Grzegorz und dann Hold unerwartet in die Hände fällt, aber letztlich nicht erfüllt wird. Jones fokussiert seine Erzählung eher auf die nachdenklich-melancholische Stimmung, in der die beiden Arbeiter verzweifelt nach einer Möglichkeit suchen, ihre Familien ordentlich versorgen zu können.
Indem Jones sein Figuren-Ensemble auf ein Minimum beschränkt und sehr tief in ihre emotionalen Gefilde eintaucht, entsteht ein Roman von fesselnder Eindringlichkeit, die vor allem durch die wunderbare Sprache evoziert wird.
Leseprobe Cynan Jones - "Alles, was ich am Strand gefunden habe"

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen