Sonntag, 20. Januar 2013

John Updike – „Landleben“

(Rowohl, 414 S., HC)
Im Alter von siebzig Jahren ist Owen Mackenzie noch immer glücklich mit der fünf Jahre jüngeren Julia verheiratet, und das schon seit 25 Jahren. Manchmal wacht er morgens auf und dämmert wieder für ein, zwei Stunden in den Schlaf, um dann von einer seiner Eroberungen zu träumen, die er im Laufe seines Lebens als erfolgreicher Computeringenieur angehäuft hat. Er wuchs in den sechziger und siebziger Jahren in der Kleinstadt Middle Falls, Connecticut, auf, doch geboren wurde er 1933 in Willow, Pennsylvania. Abgesehen von einem Selbstmord ist in den zwölf Jahren der Depression und des Zweiten Weltkriegs nichts weiter von Belang geschehen.
Was Owen von früh an interessierte, war Sex, genauer gesagt: „Kleinstadt-Sex“, wie Updike episodenhaft einige seiner Kapitel betitelt. Als er Alice das erste Mal mit trockenen Lippen küsste und ihre Brillengestelle dabei aneinander klackten, war das noch unspektakulär, doch als er das Schamhaar von Doris Shanahan aus der achten Klasse erblickte, war er glücklich, weil ihm ein besonderes Wissen zuteil geworden war. Owens Lebensaufgabe bestand darin, Computer-Software zu entwickeln und zu überwachen, doch zeitgleich mit seinem Stipendium am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, bewies er besonderes Geschick im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Mit seinem beruflichen Aufstieg sind stets weitere Erkundungen weiblicher Körper einhergegangen, wovor ihn auch eine Heirat nicht schützen konnte. Zu jeder Frau konnte Owen etwas Besonderes erinnern:
„Die Lektion, die Owen von Vanessa lernte, war überraschend: Maskuline Frauen hatten großartigen Sex zu bieten. Vielleicht war es kein Zufall, dass ausgerechnet die wilde, jungenhafte Doris Shanahan ihm erlaubt hatte, an ihren Beinen hinauf in ihre Shorts zu gucken. Mit ihnen ist Sex sozusagen frontaler, direkter. Sie springen darauf an und gehen auf einen Orgasmus los, so wie ein Falke sich auf eine junge Wachtel stürzt. Obwohl Vanessa selten dabei lächelte (anders als Faye in ihrem Rausch, anders als Alissa mit ihren Grübchen), lachte sie oft, schroff, ihr dunkles, heiseres Lachen. In ihren gewöhnlichen Kleidern aus festen Stoffen, mit breit geschnittenen Schultern, wirkten ihr Arsch und ihre Brust flach, minimal; wenn sie ausgezogen war, zeigte sie Reize genug.“ (S. 309) 
John Updike erzählt mit frivoler Lust aus dem Leben eines echten Schürzenjägers, doch handelt es sich dabei nicht um eine Aneinanderreihung pornographischer Episoden eines sexgeilen Mannes, sondern vielmehr um das Portrait des ländlichen Amerika mit seinen ganz eigenen Moralvorstellungen und den Ritualen, mit denen Männer und Frauen einander umwerben und sich abseits legitimierter Verhältnisse im Geheimen miteinander vergnügen. Updike erweist sich dabei einmal mehr als glänzender Beobachter des amerikanischen Way of Life und natürlich als grandioser Stilist, der mit Worten ebenso betört wie die Frauen die Männer. Nebenbei bekommt der Leser auch eine interessante Lektion über den Beginn der Computer-Ära, doch in erster Linie berauscht der gefeierte Autor sein Publikum mit seiner wohlkomponierten Sprache und seinen vergnüglichen, unsentimentalen Schilderungen amerikanischen Kleinstadtlebens.
Leseprobe John Updike "Landleben"

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