Freitag, 11. April 2014

Anthony McCarten – „funny girl“

(Diogenes, 375 S., HC)
Die zwanzigjährige Azime Gevaș lebt bei ihren Eltern im Londoner Stadtteil Green Lanes, die zwar aus dem kurdischen Teil der Türkei stammen, sich aber für echte Briten halten. Statt weiterhin für einen spärlichen Lohn im Möbelladen zu arbeiten, den ihr Vater Aristot unterhält, und sich von einem Heiratsvermittler, den ihre Mutter Sabite engagiert hat, verheiraten zu lassen, träumt Azime von einem selbstbestimmten Leben und einer Karriere als Komikerin. Den Weg dazu ebnet ihr einziger männlicher Freund Deniz, dessen unbekümmerte wie hemmungslose Lebensweise sie bewundert.
Ob sie in ihn verliebt ist, kann sie nicht so recht bestätigen. Aber sie fängt an, ihn zu den Comedy-Kursen zu begleiten, die er besucht, und schließlich wird auch Azime von der Kursleiterin Kirsten ermuntert, ihre Witze auf der Bühne zu präsentieren. Mit ihrer Show begeistert sie zwar auch einen Journalisten vom „Guardian“, doch nach den Selbstmordattentaten in verschiedenen Londoner U-Bahn-Stationen bekommt Azimes auch explizite Morddrohungen zugeschickt. Doch Azime muss nicht nur im Spannungsfeld familiärer Traditionen und Erwartungen einerseits und eigenen Lebensverwirklichungsstrategien ihren Weg finden, sie versucht auch, die Hintergründe des Todes einer ihrer Freundinnen aufzudecken.
Da das Mädchen in einen italienischen Jungen verliebt gewesen ist und vom Balkon der elterlichen Wohnung im achten Stock gestürzt ist, geht Azime davon aus, dass der Vater für die Tat verantwortlich ist. Schließlich schlägt Azimes große Stunde. Bei einer Comedy-Show soll sie vor 15000 Leuten auftreten!
„Schon früher war es eine Qual für sie gewesen, sich Material für ihre Auftritte auszudenken, doch jetzt musste sie sich an den irren Gedanken gewöhnen, dass ihre Witze Tausende zum Lachen bringen sollten. Als sie nicht weiterkam, sagte sie ihrer Mutter, sie gehe spazieren, und setzte sich in ein Café, ein wenig abseits, versuchte erneut zu arbeiten, ließ sich von Leuten, die kamen und gingen, inspirieren. Die bunte Vielfalt ihres Viertels brachte neue Ideen in ihr hervor und weckte Erinnerungen, an Deniz, Banu, Döndü, auch an das tote Mädchen und ihren Vater Omo. Sie musste an etwas denken, was Kirsten ihr beigebracht hatte: ‚Das Publikum, für das du schreibst, besteht nur aus einer einzigen Person, dir selbst. Mach es persönlicher und damit unverwechselbar. Red über Dinge, über die du – und nur du – reden kannst, Sachen, über die sonst keiner etwas weiß, über die keiner außer dir glaubwürdig reden kann.‘“ (S. 331) 
Der neuseeländische Autor Anthony McCarten hat bereits mit seinem Bestseller „Englischer Harem“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er ebenso humorvoll wie tiefsinnig den Clash of Cultures mit einer originellen Geschichte thematisieren kann. Mit der ganz konkreten Geschichte einer jungen Muslimin, die mit ihrer Familie in London lebt, macht McCarten auf höchst amüsante Weise deutlich, wie problematisch das Leben zwischen Tradition und Moderne, zwischen Fremdbestimmung und Selbstverwirklichung sein kann. Natürlich spitzt McCarten diesen Spagat zu, indem er seine sympathische wie eigensinnige Protagonistin einen überaus unkonventionellen Berufswunsch nachgehen lässt, aber gerade durch die pointierten Witze, die Azime ihrem Publikum präsentiert, werden die großen Themen, mit denen sich junge Muslime beschäftigen, besonders deutlich herausgearbeitet.
Neben Azimes wirklich komischen Auftritten, die die muslimische Kultur in einem ganz ungewohnten Licht erscheinen lässt, bewahrt sich McCarten aber auch einen nachdenklichen Ton, wenn es vor allem darum geht, wie muslimische Frauen von ihren Männern behandelt werden. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die wundervolle, Mut machende Geschichte einer jungen Frau, die ihre Stellung in ihrer Familie ebenso überdenkt wie ihre ersten romantischen Gefühle und die Gestaltung ihrer Zukunft.
Leseprobe Anthony McCarten - "funny girl"

1 Kommentare:

Papyrus hat gesagt…

Ein gutes Buch. Noch besser gefiel mir allerdings "Englischer Harem". In dem Buch spielt der Autor noch mehr mit Vorurteilen und vorgefertigten Meinungen von Menschen.

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