Sonntag, 26. Juli 2015

Richard Laymon – „In den finsteren Wäldern“

(Festa, 256 S., Tb.)
Neala O’Hare ist gerade mit ihrer Freundin Sherri in ihrem MG zu einem Wanderurlaub in die Wälder von Kalifornien unterwegs, als ein beinloses Wesen mit kraftvollen und stark behaarten Armen ihren Weg kreuzt. Um diesen Schrecken zu verdauen, kehren sie abends in einen Imbiss ein, der sich als entsetzliche Falle entpuppt. Die beiden jungen Frauen werden von vier Männern verschleppt, die ihre Habseligkeiten einsammeln und ihre Opfer in den Wald verschleppen, wo sie an Bäume gefesselt und ihrem Schicksal überlassen werden. Zur gleichen Zeit ist der Highschool-Lehrer Lander Dills mit seiner Frau Ruth, der volljährigen Tochter Cordelia und ihrem Freund Ben ebenfalls in den Urlaub unterwegs. Da sie es nicht wie geplant bis zum Mule Ear Lake schaffen, wollen sie in Barlow übernachten, doch das angesteuerte Motel erweist sich ebenfalls als eine Falle.
Als sich Ben und Cordie abseits der Motelanlage miteinander vergnügen, werden sie ebenfalls verschleppt, dann gerät auch seine Frau in die Fänge von unheimlichen Kreaturen. Wie die beiden Mädchen bald herausfinden, haben die Einwohner von Barlow vor Generationen einen Handel mit den sogenannten Krulls in den Wäldern geschlossen, die sich durch jahrzehntelange Unzucht vermehrt haben. Junge Frauen sollen dafür sorgen, dass ihr Genpool mit frischem Blut versorgt wird. Als Lander sich aufmacht, seine Familie zu retten, wird er von einem ebenso starken Rachedurst wie von der erotisch geprägten Faszination für die im Wald lebenden Kreaturen getrieben.
„Er sollte von diesem Dorf voller Wahnsinniger verschwinden, so weit ihn die Füße trugen. Und versuchen, Cordelia zu finden.
Und Ruth?
O Gott, was war mit Ruth?
Vielleicht befand sie sich in diesem Augenblick irgendwo in diesem Dorf. Noch am Leben. Darauf wartend, bis sie damit an der Reihe wäre, Futter für diese Dämonen zu werden.
Die Chancen dafür, dass sie noch lebte, standen tatsächlich nicht schlecht. Wenn diese Monster auch nur einen Hauch Vernunft besaßen, würden sie Ruth noch eine Weile am Leben lassen. Und zuerst die Leichen verzehren, bevor sie ihre lebenden Gefangenen schlachteten.“ (S. 96) 
Es ist vor allem dem Heyne-Verlag zu verdanken, den Großteil des hierzulande unbekannten Werkes des 2001 verstorbenen Horror-Schriftstellers Richard Laymon posthum veröffentlicht zu haben, doch auch der Festa-Verlag bringt immer wieder mal den einen oder anderen Band aus Laymons umfangreichen Schaffen heraus.
„In den finsteren Wäldern“ zählt sicher nicht zu den besten Arbeiten von Laymon, aber sicher zu seinen kompromisslosesten. Interessant ist vor allem die Entstehungsgeschichte von Laymons erst zweiten Roman nach „Haus des Schreckens“ (1980), den der Heyne-Verlag 2008 zusammen mit den Folgebänden „Das Horrorhaus“ und „Mitternachtstour“ in „Der Keller“ publizierte.
Wie Laymons Tochter Kelly im Vorwort rekapituliert, hat Warner Books nicht nur die Umschlagillustration versaut, sondern auch rigide Änderungen am Manuskript vorgenommen, so dass Laymon später meinte, „The Woods Are Dark“ (1981) sei das Buch gewesen, das seine Karriere ruinierte. Kelly ist es irgendwann gelungen, die überall verstreuten Seiten des Originalmanuskripts zu finden, so dass es 2008 endlich in der ursprünglich angedachten Fassung erscheinen konnte. Laymon hält sich dabei nicht mit auch nur irgendwie gearteten Einleitung auf, sondern konfrontiert den Leser ebenso wie seine beiden hübschen Protagonistinnen Neala und Sherri mit einem furchterregenden Wesen, das stellvertretend für die später so degeneriert dargestellten Krulls eingeführt wird. Der Autor hält sich auch nicht mit den persönlichen Hintergründen seiner Figuren auf. Außer den vagen Ferienzielen und den Namen erfährt der Leser eigentlich nichts über sie. Dass Lander Dills immer wieder literarische Zitate von sich gibt, wird mit seiner Highschool-Lehrtätigkeit erklärt.
Was Laymon an Figurenzeichnung und psychologischer Tiefe hier vermissen lässt, macht er aber durch Tempo, Spannung und blutigen Horror wieder locker wett. Dabei dürfen erotische Eskapaden und Wunschträume natürlich ebenso wenig fehlen wie sein ausgesprochen bizarrer Humor, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Allerdings ist der Leser auch aufgefordert, den holprigen Plot mit seiner Fantasie zu füllen. Selten bekommt man das Gefühl, dass hier tatsächlich das vollständige Manuskript vorliegt und Laymon eine zusammenhängende Geschichte erzählt.
Aber wie Schriftsteller-Kollege Brett McBean im Nachwort richtig bemerkt, kommt auch in „In den finsteren Wäldern“ der filmnahe Schreibstil des Autors voll zur Geltung.
„Es ist der beste Low-Budget-Exploitation-Horrorstreifen, der nie gedreht wurde“, schreibt er und kommt zu dem Schluss: „Das Buch gleicht einer raschen, vor Blut strotzenden Geisterbahnfahrt. Es ist wie Menschenfleisch, das von jeglichem Fett befreit in einer wahnsinnigen literarischen Orgie verschlungen wird.“ (S. 255f.)
Leseprobe Richard Laymon - "In den finsteren Wäldern"

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