Dienstag, 4. August 2015

Don Winslow (Neal Carey 1) – „London Undercover“

(Suhrkamp, 370 S., Tb.)
Seit Neal Carey als elfjähriger Junge, dessen Vater sich nie hatte blicken lassen und dessen Mutter mit ihrer Sucht mehr Geld verprasste, als sie nach Hause brachte, beim Taschendiebstahl von Joe Graham erwischt worden ist, nahm dieser den talentierten Jungen unter seine Fittiche und brachte ihm alles bei, bis Neal zu einem echten Überwachungsgenie herangewachsen war. Neal begann für die Bank der Familie Kitteredge zu arbeiten, deren Kunden größten Wert auf Diskretion legen, und so wurde seit 1913 eine bankinterne Agentur aufgebaut, die sich um das Glück und die Sicherheit der prominenten Bankkunden kümmert.
Nachdem Neal acht Monate lang nichts von Graham gehört hat, bekommt er von ihm den Auftrag, die 17-jährige Tochter von Senator Chase ausfindig zu machen, die seit drei Monaten verschwunden ist und zuletzt in London gesehen wurde. Die Polizei wurde bislang nicht involviert. Bis zum August, wenn John Chase seinen Wahlkampf beginnt, soll seine Tochter Allie wieder aufgetaucht sein. Bevor Neal nach London reist, erfährt er bei seinen Recherchen, dass John Chase gar nicht der Vater von Allie ist, sie aber jahrelang missbraucht hat.
„Also läuft es wie immer. John Chase ist ein Vertreter des US-Senats, vielleicht wird er eines Tages Vizepräsident, und er hat Geld auf der Bank. Er vergewaltigt seine Stieftochter und kommt ungeschoren davon, weil einer wie ich alles unter den Teppich kehrt. Neal Carey, Hausmeister der Reichen und Mächtigen.
Und dieses Arschloch verlässt sich darauf, dass Allie vor lauter Scham die Klappe hält, während sie mit der Familie für Pressefotos posiert und auf eine weit entfernte Schule geschickt wird, möglicherweise in der Schweiz. Und ich werde ihm dabei helfen. Weil das besser ist, als dass ein Mädchen da draußen rumläuft und zugrunde geht, weil sie glaubt, mit dem eigenen Vater Sex gehabt zu haben. Und weil ich irgendwann auch mal mit dem College fertig werden will.“ (S. 64f.) 
Doch die Suche nach Allie in London gestaltet sich für Neal erwartungsgemäß schwierig, weil es nicht den kleinsten Anhaltspunkt für ihren Aufenthaltsort gibt. Doch sobald Neal dann doch eine Spur aufgenommen hat, bewegt sich der junge Mann in einem Strudel aus Drogen, Betrug und Gewalt …
Der amerikanische Schriftsteller Don Winslow zählt seit seinen Bestsellern „Tage der Toten“ (2010) und „Zeit des Zorns“ (2011) zu den international angesagtesten Krimi-Autoren. Seine Karriere begann er 1991 mit „A Cool Breeze on the Underground“, dem ersten Roman um den raffinierten Privatermittler Neal Carey, dem bis heute vier weiter folgen sollten. Der in der Neuübersetzung von Conny Lösch 2015 unter dem Titel „London Undercover“ veröffentlichte Debütroman von Winslow fasziniert durch einen vielschichtigen Plot und sympathische Protagonisten, wobei vor allem das Vater-Sohn-ähnliche Verhältnis zwischen Graham und seinem Schüler Neal durch Rückblenden großartig herausgearbeitet wird.
Dabei wird schnell deutlich, dass Neal nicht nur ein Schüler mit glänzender Auffassungsgabe ist, sondern seine Aufträge ebenso gewissenhaft wie raffiniert ausführt. Neal geht es eben nicht nur darum, ein vermisstes Mädchen zu seiner Familie zurückzubringen, sondern auch jene Leute auszutricksen, mit denen Neal bei seinem Einsatz offene Rechnungen zu begleichen hat.
Das ist nicht nur spannend und unterhaltsam geschrieben, sondern ist auch für die eine oder andere witzige Überraschung, literarische Anspielung und subkulturelle Akzente gut.
Leseprobe Don Winslow - "London Undercover"

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