Samstag, 22. August 2015

Joe R. Lansdale – „Blutiges Echo“

(Suhrkamp, 392 S., Tb.)
Seit Harry Wilkes als Kind an Mumps erkrankt war und eine Zeitlang nicht mehr auf seinem rechten Ohr hören konnte, sorgen bestimmte Geräusche, die er an Orten wahrnimmt, an denen in der Vergangenheit Verbrechen begangen worden sind, dafür, dass Harry die Verbrechen wie im Traum nachempfindet. Mit seinen Jugendfreunden Joey und Kayla suchte er eines Abends das dunkle und verlassene Honkytonk auf, eine Bar, in der einst die Inhaberin Evelyn Gibson brutal ermordet wurde. Als Joey gegen die Jukebox stieß, konnte Harry sehen, wie die Frau damals umgekommen ist. Wenig später zog Kayla mit ihrer Mutter fort.
Mittlerweile hat sich Harry irgendwie mit seiner merkwürdigen Gabe arrangiert. Um diesen plötzlich auftretenden schmerzhaften Erfahrungen aus dem Weg zu gehen, betäubt er sich regelmäßig mit Alkohol. Er besucht die Universität und jobbt in einer Buchhandlung. Sein Leben nimmt zunächst eine positive Wendung, als er Tad kennenlernt, der sein eigenes Trauma ebenfalls mit Alkohol betäubt, mit Harry zusammen aber einen neuen Weg einschlagen will. Und er lernt die ebenso attraktive wie selbstbewusste und stinkreiche Talia McGuire kennen.
Doch als er auf die Party ihres Vaters eingeladen wird und sich mit ihr in einem Bunker auf dem Grundstück vergnügen will, sieht Harry, wie ein Mann, der wie Talias Vater aussieht, einen Jungen umbringt. Bei diesem Erlebnis würgt Harry seine Freundin, die daraufhin nichts mehr mit ihm zu tun haben will.
„Ich bin eins mit dem Universum. Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall natürlich. Schließlich wird man nicht jeden Abend seine Freundin los, bezichtigt ihren Vater aufgrund einer Vision aus der Vergangenheit des Mordes, wird verhaftet, freigelassen und kriegt die Nummer der Polizistin, die einen nach Hause bringt. Das jedenfalls war gar nicht so schlecht.“ (S. 246) 
Kayla ist tatsächlich als Polizistin in ihre Heimatstadt zurückgekehrt und bittet Harry, mit seiner speziellen Gabe den als Selbstmord eingestuften Tod ihres Vaters aufklären zu helfen. Doch was Kayla, Harry und Tad herausfinden, führt in die höchsten Polizeikreise.
Wie in Lansdales Krimis üblich, wird auch „Blutiges Echo“ von einer zutiefst menschlichen Hauptfigur getragen, die mit einer seltenen Gabe ausgestattet ist, die sie allerdings eher als Fluch betrachtet und mit Alkohol zu betäuben versucht.
Alkohol spielt auch eine zentrale Rolle im Leben von Harrys ganz unterschiedlichen Freunden Joey und Tad. Während Joey nur sein allgemeines Versagen im Alkohol ertränkt, hat Tad eine wirkliche Tragödie zu verarbeiten, und Lansdale beschreibt einfach absolut glaubwürdig, wie Harry und Tad ihren jeweils eigenen Dämonen gegenübertreten und ihr Leben wieder in die eigene Hand nehmen. Dass dabei ungeklärte Morde in der Vergangenheit und eine zurückgekehrte Jugendliebe eine treibende Kraft darstellen, verleiht der Geschichte die nötige Dramatik, aber vor allem übertrifft sich Lansdale einmal mehr darin, ganz normale Menschen mit ihren Fehlern und Stärken vielschichtig zu zeichnen und sie in einer bildreichen Sprache zu sich selbst finden zu lassen.
Leseprobe Joe R. Lansdale - "Blutiges Echo"

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