Sonntag, 21. Mai 2017

Jason Starr – „Top Job“

(Diogenes, 316 S., HC)
Eigentlich hatte alles ganz gut angefangen. Nach seinem Studium der Geschichte und Betriebswirtschaft arbeitete Bill Moss erfolgreich als Vizepräsident der Abteilung Marketing von Smythe & O‘Greeley, kommt nach seiner Kündigung vor zwei Jahren aber nicht so recht wieder auf die Beine. Mittlerweile lebt der knapp über 30-Jährige mit seiner jüdischen Freundin Julie in New York, erhält auf seine Bewerbungen nur Absagen und schlägt sich als Telefonverkäufer in Teilzeit im Call Center A.C.A. durch, das ihre Mitarbeiter gnadenlos schikaniert und vor allem den schwarzen Angestellten die verdienten Prämien vorenthält.
Obwohl Bill zu den besseren Verkäufern zählt, droht er bei der bevorstehenden Entlassungswelle ebenfalls seinen Job zu verlieren. Für Julie, die heiraten und Kinder haben und vor allem wie ihre Freunde in eine bessere Gegend ziehen will, wäre das ebenso wie für Bill selbst eine Katastrophe. Als er aber seinen Kumpel Greg davon abhält, ihren gemeinsamen Chef Ed zu verprügeln, wird Bill unversehens befördert. Doch dann wird Bill von seiner Vergangenheit eingeholt und muss befürchten, die Früchte seines Erfolgs wieder zu verlieren. Er verstrickt sich zusehends in einer Spirale aus Lügen und Gewalt. Und auch sein Faible für Prostituierte scheint ihm zum Verhängnis zu werden.
„Wenn Julie davon erführe, war es mit unserer Beziehung vorbei. Ich versuchte, einfach nicht mehr daran zu denken, mir einzureden, dass Prostituierte vulgär und schmutzig waren, aber das machte es nur noch schlimmer. Prostituierte zogen mich an, gerade weil sie vulgär und schmutzig waren.“ (S. 102) 
In seinem 1997 veröffentlichten Debütroman beschreibt der New Yorker Autor Jason Starr zunächst die ganz normalen Existenzängste eines ehemals erfolgreichen Angestellten, der nach dem Verlust seiner gut bezahlten und der damit einhergehenden sozialen Stellung immer wieder mit dem eigenen Versagen konfrontiert wird, nicht zuletzt durch seine besser verdienende Freundin und deren gut situierten Freunde.
Als Ich-Erzähler macht Bill Moss allerdings auch keinen sympathischen Eindruck. Zwar verwehrt er sich gegen die rassistischen Praktiken seiner Vorgesetzten, hat aber selbst überhaupt keine Probleme, seine Arbeitgeber über seinen beruflichen Werdegang und Julie über seine sexuellen Vorlieben zu belügen. Interessant und spannend ist der Roman vor allem durch die Spirale von Lügen, Gewalt und Mord, in die Bill nur deshalb hineingezogen wird und die er – zugegebenermaßen – auch selbst mitgestaltet, weil er Angst vor der Abschiebung auf das gesellschaftliche Abstellgleis hat, das ihm durch den Jobverlust droht.
Die Aussicht, durch die Beförderung endlich dahinzukommen, wo Julie und er sich selbst sehen, lässt bei Bill alle Hemmungen fallen und das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Während die Verzweiflung über den Job- und Gesichtsverlust sehr nachvollziehbar in „Top Job“ herausgearbeitet ist, sind die Figuren auf der anderen Seite etwas sperrig charakterisiert und der Plot nicht immer schlüssig. Die Auseinandersetzungen zwischen Bill und Julie wirken wie die Zustände bei A.C.A. gelegentlich sehr konstruiert. Von diesen Schwächen abgesehen bietet „Top Job“ allerdings ein sehr kurzweiliges, flüssig geschriebenes Krimi-Drama in bester Tradition von Meistern wie James M. Cain und Jim Thompson.

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