James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 21) „Mein Name ist Robicheaux“

Mittwoch, 23. Oktober 2019

(Pendragon, 600 S., Pb.)
Als Dave Robicheaux die schwerkranke Mafia-Größe Fat Tony Nemo/Tony Squid/Tony Nine Ball/Tony the Nose in seinem Büro aufsucht, bekommt er ein Schwert aus dem Bürgerkrieg überreicht, auf dessen Messinggriff der Name von Lieutenant Robert S. Broussard eingraviert ist und von dem der Mafioso glaubt, dass es die in New Iberia ansässige Familie gern in ihrem Besitz haben möchte. Tony Squid wartet aber auch mit Informationen über den Mann auf, der vor zwei Jahren Robicheaux‘ Frau Molly an einer Kreuzung so schwer gerammt hat, dass sie verstarb. Offensichtlich hat der Mann vor zehn oder fünfzehn Jahren schon ein Kind in Alabama überfahren. Bevor sich der Detective des New Orleans Police Department jedoch mit diesen Informationen befasst, hilft er seinem besten Kumpel Clete Purcel aus der Klemme, steckt er doch mit 250.000 Dollar bei einem Kredithai in den Miesen und droht sein Haus zu verlieren.
Robicheaux stattet dem elitären, doch stets bürgernahen Aristokraten Jimmy Nightingale einen Besuch ab, da dieser Teilhaber bei der Gesellschaft ist, bei der Purcel die Hypothek aufgenommen hat. Dafür, dass sich Nightingale, der für den US-Senat kandidieren will, sich um Purcels Hypothek kümmert, bittet er Robicheaux, ihn mit dem Romanautor Levon Broussard bekanntzumachen, um mit ihm und Tony Nemo die Verfilmung eines seiner Bücher zu realisieren. Robicheaux stattet anschließend T.J. Dartez einen Besuch ab, jenem Mann, der an dem Unfall beteiligt war, bei dem Molly zu Tode gekommen ist. Nach einer durchzechten Nacht wacht Robicheaux mit blutig verschrammten Fingerknöcheln auf und kann sich an nichts mehr erinnern. Als Dartez tot auf seinem Grundstück aufgefunden wird, kann Robicheaux nicht beschwören, dass er nicht für den Tod des Mannes verantwortlich ist.
Während sich Robicheaux in diesem Fall vor allem mit seinem korrupten Kollegen Spade Labiche herumschlagen muss, erfährt er von Purcel, dass Nightingale längst nicht der Saubermann sei, den er in der Öffentlichkeit zu repräsentieren versucht, sondern sich von einem schmierigen Typen namens Kevin Penny Koks und Prostituierte habe liefern lassen. Purcel, der als Privatdetektiv Büros in New Orleans und New Iberia unterhält, hat auch ein privates Interesse an Penny, denn er ist berüchtigt dafür, seinen Sohn Homer zu schlagen, weshalb ihn Purcel am liebsten aus dem Verkehr ziehen will. Das Filmprojekt von Broussard, Nightingale und Tony Nemo nimmt langsam Formen an, wobei Robicheaux‘ Tochter Alafair einen Drehbuchentwurf beisteuert. Als Broussards Frau Rowena Nightingale allerdings beschuldigt, sie auf seinem Boot betrunken gemacht und vergewaltigt zu haben, läuft nicht nur das Filmprojekt aus dem Ruder. Ein Auftragskiller, der sich Smiley nennt, dezimiert konsequent Leute aus dem Umfeld der Filmproduktion. Und Purcel ist wieder einmal in eigener Mission unterwegs …
„Er war der Gauner aus der volkstümlichen Sagenwelt, der die Respektabilität mit Scheiße bewarf. Aber er war ein erheblich komplexerer Mann, im Kern eine griechische Tragödie, eine prometheische Gestalt, die niemand als solche erkannte, einer der 36 Gerechten der jüdischen Legende, der für uns alle litt. Falls es Engel unter uns gibt, wie der Apostel Paulus sagt, dann war ich überzeugt, dass Clete einer von ihnen war, seine Flügel verhüllt in Rauch, sein Umhang getaucht in Blut …“ (S. 410) 
Seit James Lee Burke 1987 seine preisgekrönte Reihe um den Vietnam-Veteran und Alkoholiker Dave Robicheaux ins Leben gerufen hatte, sind mittlerweile insgesamt 22 Bände erschienen, die weithin zum Besten gehören, was das Krimi-Genre zu bieten hat. Der Bielefelder Pendragon-Verlag hat sich seit 2015 der rühmlichen Mission angenommen, die großenteils noch unveröffentlichten bzw. nicht mehr lieferbaren Titel um den charismatischen, von den Dämonen seiner Vergangenheit in Fernost und des Alkohols verfolgten Cop Dave Robicheaux neu aufzulegen. In der Chronologie der Reihe war Pendragon mittlerweile bis zum 16. Band „Sturm über New Orleans“ gekommen, so dass zum jetzt veröffentlichten 21. Band „Mein Name ist Robicheaux“ einige Sprünge zu erwähnen sind, von denen neben dem Tod von Robicheaux‘ Frau Molly vor allem die Entwicklung seiner Adoptivtochter Alafair am bemerkenswertesten ausfällt. Sie hat nämlich eine Karriere als Schriftstellerin hingelegt und sich damit auch die Bewunderung von Levon Broussard verdient. Davon abgesehen sind Dave Robicheaux und sein bester - und eigentlich einzig nennenswerter - Freund Clete Purcel wie gewohnt den geschickt agierenden Gangstern auf der Spur, die ihre Aktivitäten gekonnt unter dem Deckmantel der Kultiviertheit verstecken, aber unter ihrer glänzenden Oberfläche mächtig Dreck am Stecken kleben haben. Burke erweist sich einmal mehr als Meister darin, das besondere Klima in Amerikas Süden mit der Verderbtheit gerissener wie skrupelloser Gauner zu verknüpfen und angesichts der Wut, die sowohl Robicheaux als auch Purcel gegenüber den schändlichen Taten, gegen die sie ankämpfen, immer wieder zu extremen Mitteln zu greifen bereit sind, bis sie sich im letzten Moment doch eines Besseren besinnen.
Die Figuren sind in „Mein Name ist Robicheaux“ wieder angenehm vielschichtig angelegt. Einer simplen Kategorisierung in Gut und Böse, Schwarz und Weiß, entzieht sich Burke bewusst, lässt seine Protagonisten aber auch lange nur dunkel ahnen, mit welcher Art von Verbrechern sie es letztlich zu tun haben. Die Spannung wird durch sich häufende Todesfälle und neue Mitspieler im Karussell der Gewalt konstant auf einem hohen Niveau gehalten, wobei die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren erst nach und nach freigelegt werden. Alafair präsentiert sich in dem Wirbel um die Hollywood-Produktion und im Umgang mit den nicht immer koscheren Menschen, mit denen ihr Vater zu tun hat, als erfrischend eigenständige Persönlichkeit, doch im Mittelpunkt stehen natürlich Dave, der in der Geschichte wieder als Ich-Erzähler auftritt, und sein Kumpel Clete, dessen Part in dem Plot in der dritten Person wiedergegeben wird.
Bildreich beschreibt Burke, wie die beiden Kriegsveteranen damit hadern, wie sie mit offensichtlichen Verbrechern umgehen sollen, wie sie das Jucken in ihren Fingern, selbst für Gerechtigkeit zu sorgen, unter Kontrolle zu bekommen versuchen und bei der Last vor der richtigen Entscheidung auch mal gern einen über den Durst trinken und sich mit den falschen Frauen einlassen. Ergänzt wird der Roman durch die kurze Erzählung „The Wild Side of Life“, in der der Kriegsveteran Elmore auf den Ölfeldern an der Golfküste arbeitet und durch die Bekanntschaft der verheirateten, von ihrem Mann misshandelten Loreen an ein Verbrechen an indianischen Ureinwohnern erinnert wird, bei dem er tatenlos zugesehen hat.

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