Mittwoch, 5. September 2012

David Ballantyne – “Sydney Bridge Upside Down”

(Hoffmann und Campe, 335 S., HC)
Der dreizehnjährige Harry lebt mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder Cal in dem neuseeländischen Kaff Calliope Bay und wartet darauf, dass seine Mutter, die über den Sommer in die Stadt gezogen ist, zurückkommt. In der Zwischenzeit erwartet er mit Spannung die Ankunft seiner älteren Cousine Caroline. Mit ihr, Cal und dem Nachbarsjungen Dibs erkundet Harry die steile Küste und die Ruine der alten Fleischfabrik.
Besondere Freude bereitet ihm aber das morgendliche, nackte Toben durch das Haus, und Harry beginnt, Caroline vor jeder potentiellen Gefahr zu beschützen, besonders vor dem aufdringlichen Mr. Wiggins. Auch die gelegentlichen Küsse mit spitzen Lippen gefallen dem Jungen. Doch nach und nach scheint Caroline das Interesse an Harry zu verlieren und sich mit älteren Jungs anzufreunden. In dieser Hinsicht nimmt der Ausflug zur Kirmes eine besondere Bedeutung ein.
„In den letzten Tagen, seit einer Woche etwa, hatte ich mir um Caroline einige Sorgen gemacht. Sie war unglücklich, das war nicht zu übersehen, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sagen würde, dass sie Calliope Bay satthatte und nach Hause wollte. Ich hatte lange darüber nachgedacht und war mir inzwischen ziemlich sicher, dass dieses traurige Schweigen unmittelbar nach der Kirmes angefangen hatte. Was ist nur auf der Kirmes passiert, fragte ich mich, dass sie so traurig ist? Der Ausflug hätte sie fröhlich machen sollen! Sie war ganz anders als vorher. Noch bevor ich morgens mit meinem Training anfing, spürte ich, dass sie auf unser altes Spiel keine Lust mehr hatte, mit dem Fangen war es endgültig vorbei. Ich wusste auch nicht mehr so recht, wie ich mich bei dem Spiel verhalten sollte, ich trauerte ihm deshalb nicht nach, aber wenn Caroline gewollt hätte, hätte ich natürlich weiter mitgemacht. Doch seit der Kirmes hatte sie kein Wort mehr darüber verloren, und sie hatte mich auch kein einziges Mal geküsst.“ (S. 235f.) 
Weit beunruhigender sind allerdings die Unglücksfälle, die in dem kleinen Küstenort für Aufsehen sorgen …
David Ballantyne (1924-1986) zählt zu den bekanntesten Schriftstellern Neuseelands und hat mit seinem fünften Roman „Sydney Bridge Upside Down“ (was der Name eines Pferdes ist, das in dem Roman zwar keine tragende Rolle spielt, aber immer mal wieder auftaucht) eine einfühlsam geschriebene Geschichte über einen Jungen vorgelegt, der die Schwelle zum Erwachsenwerden betritt. Vor allem die Gedanken, Sorgen, Glücksmomente und Unsicherheiten im Zusammenhang mit Harrys hübscher Cousine zählen zu den Stärken des Romans, der nicht nur ein Portrait über einen pubertierenden Jungen darstellt, sondern ebenso ein Familiendrama und Gesellschaftsstudie mit tragischem Ausgang.
Leseprobe David Ballantyne - “Sydney Bridge Upside Down”

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