Samstag, 26. Oktober 2013

Neil Gaiman – „Das Graveyard Buch“

(Arena, 309 S., HC)
Seit Neil Gaiman Ende der 80er Jahre in Zusammenarbeit mit seinem Freund Dave McKean und Werken wie „Violent Cases“, „Black Orchid“, „Signal To Noise“ und vor allem der wegweisenden „The Sandman“-Reihe zu einem der wichtigsten Comic-Autoren der Gegenwart geworden ist, hat sich der vielseitige Autor ähnlich wie sein Kollege Clive Barker („Hellraiser“) die verschiedensten künstlerischen Disziplinen angeeignet. Zwar ist er noch nicht als Maler oder Regisseur in Erscheinung getreten, aber auf literarischem Gebiet hat er bereits einige Gattungen erfolgreich erobert.
In den vergangenen Jahren sind es immer weniger Comics, sondern Fantasy-Romane („Anansi Boys“, „American Gods“), Film-Drehbücher („Sternwanderer“, „Beowolf“) und Kinder- und Jugendbücher („Coraline“, „Der lächelnde Odd und die Reise nach Asgard“) gewesen, mit denen Gaiman sein Publikum faszinierte. In die letztgenannte Kategorie fällt auch „Das Graveyard Buch“, das zwar in der deutschen Ausgabe leider ohne die Zeichnungen von Dave McKean, dafür aber – als limitierte Ausgabe - in einer schmucken Blechschatulle präsentiert wird.
Ein Killer sticht in der Nacht eine ganze Familie nieder. Nur der gerade mal 18 Monate alte Sohn kann dem Mörder entwischen und findet auf dem nahegelegenen Friedhof einen ungewöhnlichen Unterschlupf: Als die seit Jahrhunderten tote Mrs. Owens auf dem Weg zu einer Ansammlung halb zerfallener Grabsteine den Jungen erblickt, nehmen sie und ihr Mann das Kleinkind bei sich auf und verpassen ihm den Namen Nobody „Bod“ Owens. Nachdem sich die Gemeinde der toten Seelen, die den Friedhof bevölkert, sich darauf verständigt hat, das lebende Menschenkind bei sich aufzunehmen, erklärt sich Silas zu seinem Vormund. Als Wanderer zwischen den Welten der Toten und der Lebenden ist es ihm als Einziger erlaubt, den Friedhof zu verlassen. Nobody lässt sich von den Toten alles Wissenswerte beibringen, bis es auch ihm gelingt, sich im rechten unbeobachteten Moment unsichtbar zu machen. Im Alter von fünf Jahren lernt er die gleichaltrige Scarlett kennen, die ihm eine treue Freundin wird, und Nobody erlebt so einige Abenteuer, wenn er eine normale Menschenschule besucht oder in die Welt der Ghoule eintritt.
„Bod fiel in die Dunkelheit wie ein Klumpen Stein. Er war viel zu verblüfft, um sich zu fürchten, und fragte sich nur, wie tief das Loch unter diesem Grab wohl war, als zwei starke Arme ihn unter den Achseln packten und ihn durch die Dunkelheit schwangen. Bos wusste seit Jahren nicht mehr, was völlige Dunkelheit war. Auf dem Friedhof konnte er sehen wie die Toten, für ihn war kein Grab und keine Gruft wirklich schwarz. Nun lernte er völlige Dunkelheit kennen und obendrein spürte er durch Nacht und Wind geworfen wurde. Ein angsteinflößendes, aber auch wahnsinnig aufregendes Erlebnis.“ (S. 76f.) 
Das größte Abenteuer steht Bod allerdings bevor, als er erfährt, dass der Mörder, der damals seine Familie abgeschlachtet hat, noch immer auf der Suche nach dem Jungen ist, um sein Werk zu vollenden …
Bei der schaurigen Eröffnungssequenz, in der Nobodys Familie hingerichtet wird, mag man schwer glauben, dass das der Beginn eines Kinder- und Jugendbuches sein soll, doch von Neil Gaiman ist man unorthodoxe Erzählstrukturen und ungewöhnliche Geschichten gewohnt. Schnell wird dann auch die besondere Fähigkeit des Autors sichtbar, außergewöhnliche Figuren in noch außergewöhnlicheren Situationen zu zeichnen und sie eine Entwicklung durchmachen zu lassen, die der ganz gewöhnlicher Menschen nicht unähnlich ist. Obwohl sich Nobody im Reich der Toten bewegt, zieht es ihn seiner Natur nach immer wieder zu den Menschen, muss sich aber mit den Ängsten auseinandersetzen, die der menschlichen Natur innewohnen, der Angst vor dem Tod ebenso wie die Sorge, geliebte Menschen zu verlieren. Letztlich geht es für Nobody darum, den Schritt ins wirkliche Leben zu wagen. Wie Gaiman diese Entwicklung beschreibt, ist einfach nur zauberhaft, voller atmosphärischer Geheimnisse, dunkler Bedrohungen und magischer Momente.

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