Donnerstag, 16. Oktober 2014

Joe R. Lansdale – „Dunkle Gewässer“

(Heyne, 320 S., Tb.)
Sue Ellens Daddy hat es aufgegeben, Fische mit dem Telefon oder mit Dynamit zu fangen, nachdem er dabei einige Finger verloren hatte. Stattdessen vergiftet er sie mit einem Jutesack voller grüner Walnüsse. Als Sue Ellen eines Tages ihren Vater und Onkel Gene zum Angeln begleitet, wird sie Zeuge, wie mit dem Jutesack auch die Leiche ihrer Freundin May Lynn Baxter auftaucht. Nach ihrer Beerdigung am nächsten Tag macht sich der Constable nicht die Mühe, nach dem Mörder des Mädchens zu suchen, aber Sue Ellen und ihre Freunde Terry und Jinx sind der Meinung, dass die Zeit ihres jungen Lebens hübsche May Lynn etwas Besseres verdient habe, als in einem Armengrab zu verrotten. Da das Mädchen immer davon geträumt hatte, ein Filmstar in Hollywood zu werden, beschließen die Freunde, May Lynns Leiche auszugraben und zu verbrennen und ihre Asche nach Hollywood zu bringen.
In May Lynns Sachen finden sie sogar den Hinweis auf die Beute aus einem Banküberfall, mit der sie sich zusammen mit Sue Ellens psychisch labiler Mutter auf ein Floß begeben, um damit den Fluss hinab nach Süden zu reisen. Doch auf ihre Fährte begeben sich nicht nur der korrupte Constable, sondern auch ein sagenumwobener Auftragskiller, der dafür bekannt ist, Spielchen mit seinen Opfern zu spielen … Sogar die alte Frau, bei der die Reisenden unterwegs Unterschlupf und vor allem Essen zu finden hoffen, hat von Skunk gehört.
„‘Er ist wie die Hitze, wie Wind, Regen und die Erde‘, sagte die alte Frau. ‚Ihm bedeuten Tage nichts. Zeit ist ihm gleichgültig. Er tut, was er tut, weil er etwas dafür bekommt. Schuhe, was zu essen, einen Hut. Wenigstens sind das die Gründe, wenn man die Sache oberflächlich betrachtet, aber sobald man ein wenig an dieser Oberfläche kratzt, dann stellt man fest, dass er es macht, weil es ihm gefällt. Er hat Geschmack am Töten gefunden. Wenn er sich etwas vorgenommen hat, dann macht er das auch, selbst wenn es eine halbe Ewigkeit dauert. Weder Tod noch Teufel können ihn davon abhalten. Und jetzt habt ihr diesen eiskalten Mörder an meine Tür geführt.‘“ (S. 263) 
Der texanische Autor Joe R. Lansdale ist vor allem durch seine Krimi-Serie um den weißen, heterosexuellen Kriegsdienstverweigerer Hap Collins und den schwarzen, homosexuellen Vietnam-Veteran Leonard Pine bekannt geworden, er fühlt sich aber im Science-Fiction-, Western- oder Fantasy-Genre heimisch. Mit „Dunkle Gewässer“ legt Lansdale nun einen Horror-Thriller vor, der es wirklich in sich hat. Sue Ellen, die jugendliche Ich-Erzählerin der Geschichte, ist mit einem temperamentvollen Vater und einer Mutter geschlagen, die ihr Leben im Bett verbringt und sich mit ihrer sonderbaren Medizin stets im Dämmerzustand befindet. Unter diesen Umständen hat sich das Mädchen zu einer selbstständigen und humorvollen Teenagerin entwickelt, die mit ihrem mutmaßlichen schwulen Freund Terry und der schwarzen Jinx zu einer abenteuerlichen Odyssee aufmacht, zu der sich sogar Sue Ellens Mutter aufrafft und dabei neuen Lebensmut schöpft.
Lansdale begleitet seine unerschrockene Crew mit viel Sympathie für seine Figuren und mit einer lebendigen Sprache, die immer wieder humorvoll die irrwitzigsten Vergleiche heraufbeschwört. Dieser Sprachwitz bildet dabei einen interessanten Kontrast zu den wenig erbaulichen Zwischenfällen, mit denen die Reisenden konfrontiert werden, die schließlich in der unausweichlichen Konfrontation mit dem gefürchteten Skunk kulminieren.
„Dunkle Gewässer“ bietet erfrischend leichtflüssig geschriebene Grusel- und Spannungs-Unterhaltung auf höchstem Niveau, verbindet brillanten Wortwitz mit überzeugend gezeichneten Figuren in einem dramaturgisch perfekt ausbalancierten Plot.
Leseprobe Joe R. Lansdale - "Dunkle Gewässer"

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen