Donnerstag, 23. Oktober 2014

Paolo Coelho – „Untreue“

(Diogenes, 315 S., HC)
Die 31-jährige Linda ist eine bekannte Journalistin einer angesehenen Tageszeitung in Genf, die glücklich verheiratet mit dem mehr als wohlhabenden Manager eines renommierten Investmentfonds ist, mit dem sie zwei Söhne hat, und trotzdem meint die ebenso begehrte wie beneidete Frau, dass jeder vor ihr liegende Tag ein Desaster wird. Das wird ihr besonders nach einem Interview mit einem Schriftsteller bewusst, dem es nicht darum geht, glücklich zu sein, sondern sein Leben voller Leidenschaft zu gestalten. Mit diesem Statement im Kopf beginnt Linda ihr Leben in Frage zu stellen. Hin- und hergerissen zwischen der Angst, ihr Leben bis zum Ende der Tage in völliger Gleichförmigkeit zu verbringen, und der Angst, dass sich von einem Augenblick zum anderen alles verändern könnte, quält sich Linda mit verschiedenen weiteren damit zusammenhängen Fragen, die sich um die Liebe und ihre Abwesenheit drehen und um die Sorge, dass sie ihre besten Jahre mit Routine vergeudet.
Als sie den ein Jahr jüngeren Politiker Jacob König interviewt, für den sie schon als Jugendliche geschwärmt hat, beginnt sie eine leidenschaftliche Affäre mit ihm, die auch ihr Eheleben zu bereichern scheint. Doch je mehr sich Linda auf den ebenfalls verheirateten Mann einlässt, desto mehr hinterfragt sie sich selbst und ihr Verhalten.
„Kann man lernen, den richtigen Mann zu lieben? Selbstverständlich. Dafür muss es einem allerdings gelingen, den falschen Mann zu vergessen, der, ohne um Erlaubnis zu bitten, in unser Leben getreten ist, weil er gerade vorbeikam, und nachher sagt, die Tür habe doch offen gestanden. Was wollte ich von Jacob? Ich wusste doch von Anfang an, dass unsere Beziehung zum Scheitern verurteilt war, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie auf so demütigende Weise enden könnte. Vielleicht wollte ich nur, was ich bekommen habe: Abenteuer, Lust und neue Lebensfreude. Oder hatte ich etwa mehr gewollt?“ (S.254) 
Wie bei dem brasilianischen Bestseller-Autor üblich, wird „Untreue“ nicht durch die Handlung dominiert. Stattdessen dient die Ausgangssituation einer erfolgreichen, jungen, attraktiven und wohlhabenden Frau dazu, den Leser einmal mehr dazu zu animieren, sich über wesentliche Aspekte seines eigenen Lebens Gedanken zu machen. Statt seine Leser zu emotionaler Anteilnahme an Lindas Schicksal zu animieren, lässt Coelho sein Publikum vor allem an Lindas Gedanken und Gefühlen teilhaben. Allerdings wirken diese inneren Monologe nicht immer schlüssig und stellen auch Lindas Verhalten immer wieder in Frage. Stattdessen wird der Leser den Eindruck nicht los, dass Coelho sich selbst mit seinen wohlwollenden, spirituell angehauchten Weisheiten in den Vordergrund rückt und dabei leider vergisst, eine interessante Geschichte zu erzählen.
Wenn der eine oder andere Leser zum Nachdenken über das wahre Glück und wie es zu erreichen und zu bewahren ist angeregt wird, hat Coelho sein Ziel sicher erreicht. Doch die Geschichte an sich ist nicht glaubwürdig und packend genug geschrieben, um auch Leser fesseln zu können, die nicht an einer spirituellen Entwicklung interessiert sind.
Leseprobe Paolo Coelho - "Untreue"

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