Samstag, 1. November 2014

Stephen King – (Bill Hodges: 1) „Mr. Mercedes“

(Heyne, 591 S., HC)
In einer wirtschaftlich angeschlagenen Großstadt im Mittleren Westen der USA warten bereits in den frühen Morgenstunden Hunderte Arbeitssuchende darauf, dass die populär angekündigte Jobbörse in der Stadthalle ihre Tore öffnet. Auf einmal wird die Menge von den aufleuchtenden Scheinwerfern eines Mercedes Benz erfasst, der daraufhin vorsätzlich in die Warteschlange rast und unerkannt flüchten kann. Dieser Fall des Mercedes-Killers gehört zu den wenigen, die Detective Bill Hodges ungeklärt zurücklassen muss, als er in den Ruhestand geht.
Mittlerweile ist Hodges so von seinem Leben angeödet, dass er sich Tag für Tag vor dem Fernseher berieseln lässt und mit dem .38er M&P herumspielt, um hin und wieder festzustellen, wie der Lauf des geladenen Revolvers auf der Zunge liegt und auf den Gaumen gerichtet ist. Doch dann reist ihn der persönlich an ihn gerichtete Brief des mutmaßlichen Mercedes-Killers aus der Lethargie. Indem sich der Killer darüber lustig macht, dem meistdekorierten Polizisten der Stadt entwischt zu sein, weckt er den Jagdinstinkt des Ruheständlers. Nachdem er eine Nacht darüber geschlafen hat, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln. Bei einem Mittagessen mit seinem alten Partner Pete Huntley bringt sich Hodges auf den derzeitigen Stand der Ermittlungen in dem Fall, dann sucht er noch einmal das Gespräch mit Olivia Trelawney, der Besitzerin des gestohlenen Mercedes. Bei seinen Ermittlungen kann sich Hodges nicht nur auf seinen cleveren Helfer Jerome verlassen, sondern auch auf die attraktive Janey Patterson, Olivia Trelawneys Schwester. Gemeinsam kommen sie einem jungen Mann auf die Spur, der durch ein anonymes Chat-Portal immer wieder Nachrichten mit Hodges austauscht und eine ungewöhnliche Beziehung zu seiner Mutter pflegt.
„Er würde gern glauben, dass es eine zärtliche Wiedervereinigung von Mutter und Kind geben wird – vielleicht sogar eine von Mutter und Liebhaber -, doch tief drinnen tut er das nicht. Er kann es sich vormachen, aber … nein.
Nur Dunkelheit.
Wegen Gott macht er sich keine Sorgen, und er hat auch keine Angst, dass er die Ewigkeit damit verbringen muss, langsam für seine Verbrechen geröstet zu werden. Es gibt weder Himmel noch Hölle. Jeder halbwegs vernünftige Mensch weiß, dass so etwas nicht existiert. Wie grausam müsste das höchste Wesen sein, um eine derart abgefuckte Welt zu erschaffen wie diese?“ (S. 438f.)
Hodges muss einige herbe Rückschläge und Verluste bei der Suche nach dem Mercedes-Killer hinnehmen, bis alles darauf hindeutet, dass der Killer ein weiteres Mal bei einer größeren Menschenansammlung zuschlagen wird, aber wo?
Stephen Kings neuer Roman kommt ungewöhnlich konventionell daher. Statt übersinnlicher Phänomene, die den Kampf zwischen Gut und Böse infiltrieren, bemüht der Bestseller-Autor Szenarien, wie ihn der Noir-Schriftsteller James M. Cain (dem der Roman gewidmet ist) kreiert haben könnte, den Wettkampf zwischen einem lebensmüden Cop im Ruhestand und einem aus der Reihe tanzenden Muttersöhnchen, wobei King virtuos ebenso mit den Klischees des Genres spielt wie er sie unterläuft.
Die Stärken von „Mr. Mercedes“ liegen wie bei King üblich in den sehr genauen Figurenzeichnungen, der lebendigen Sprache und einem fesselnden Spannungsaufbau, so dass man ihm sporadische Längen durchaus gern verzeiht.
 Leseprobe Stephen King - "Mr. Mercedes"

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