Samstag, 11. Oktober 2014

Richard Laymon – „Der Geist“

(Heyne, 512 S., Tb.)
Während der Semesterabschlussfeier, die die junge Literatur-Dozentin Dr. Corie Dalton für ihre Studenten bei sich zu Hause veranstaltet, entdeckt Lana unter einem Stapel von Gesellschaftsspielen ein Ouija-Brett, das sie entgegen des Rats ihrer Gastgeberin mit ihren Kommilitonen ausprobiert. Tatsächlich gelingt es den Studenten, Kontakt zu einem Geist namens Butler aufzunehmen, der die Spieler erst auf einen 100-Dollar-Schein zwischen den Sofakissen aufmerksam macht und ihnen schließlich einen Schatz am Calamity Peak, einer schwer zugänglichen Bergregion in Kalifornien, in Aussicht stellt.
Als Corie in der Nacht Besuch von Chad, dem Bruder ihres verstorbenen Mannes, bekommt, der sich vor fünf Jahren in die Berge zurückgezogen hatte, machen sich Keith, Lana, Doris, Glen, Howard und Angela auf den Weg – mit dem Ouija-Brett, das ihnen den Weg zum Schatz weisen soll. Während Corie in der Nacht endlich erfährt, warum Chad damals so plötzlich aus ihrem Leben verschwunden ist, packen die Studenten ihre Sachen, wobei Howard Angela erst einmal aus den Fängen ihres Peinigers Skerrit befreien muss. Der Vorfall bringt die beiden einander ebenso näher, wie Corie und Chad die Vergangenheit ruhen lassen, um gemeinsam einen Neubeginn zu wagen. In Sorge um ihre Studenten macht sie sich mit ihrem neuen Lover auf den Weg, die jungen Leute von ihrem Vorhaben abzubringen. Tatsächlich durchkreuzt ein muskelbepackter Irrer die Pläne der jungen Schatzsucher, doch warten noch weitaus schlimmere Gefahren in der Wildnis auf sie.
Währenddessen erfährt Howard, warum Angela ihm immer so merkwürdig vorkam, als sie ihm ihre Geschichte erzählt.
„Er hatte Mitleid mit ihr. Und mit sich selbst. Er wollte, dass alles wieder so wäre, wie es war, bevor sie ihm ihre schreckliche, unglaubliche Geschichte erzählt hatte. Doch als er sie danach umarmt hatte, hatte er sich geekelt. Als wäre sie unrein, verdorben. Schmutzig. Als stänke sie nach all den anderen, nach ihrem Schweiß und ihrem Samen. Irgendwie hatte sie seine Empfindungen gespürt. Ich will nicht so sein, sagte er sich. Außerdem ist es dumm. Sie ist immer noch Angela. Sie hat sich nicht verändert, weil sie die Geschichte erzählt hat. Und vorher schien sie nicht schmutzig zu sein.“ (S. 276 f.) 
Richard Laymons Horror-Thriller zeichnen sich nicht gerade durch eine besonders raffinierte Sprache oder komplexe Handlungen aus, dafür gelingt es ihm spielend, seine Leser schon mit den ersten Sätzen voll ins Geschehen zu ziehen und seine Figuren äußerst lebendig zu zeichnen. In dieser Hinsicht macht „Der Geist“ keine Ausnahme. Allerdings war es noch nie Laymons Stärke, übersinnliche Elemente besonders überzeugend in seinen Geschichten darzustellen. So verliert „Darkness, Tell Us“, so der 1991 veröffentlichte Originaltitel, immer dann an Eindringlichkeit, wenn das Ouija-Brett ins Spiel kommt, und gewinnt an Dynamik, wenn das Grauen ganz reale Züge annimmt. Und wie bei Laymon üblich darf es in „Der Geist“ auch an expliziten Sexszenen nicht fehlen.
„Der Geist“ zählt sicher nicht zu den stärksten Werken des 2001 verstorbenen Amerikaners, aber Laymon-Fans dürfen sich auf einen bewährten Mix aus Sex, Spannung und Gewalt freuen, dem man so einige Ungereimtheiten gern verzeiht, wenn es die Handlung entsprechend vorantreibt.
Leseprobe Richard Laymon - "Der Geist"

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