Sonntag, 6. März 2016

Don Winslow – (Frank Decker: 2) „Germany“

(Droemer, 379 S., Pb.)
Ex-Marine und Ex-Cop Frank Decker hat es sich zur Aufgabe gemacht, vermisste Menschen zu finden. Obwohl ihn die Suche nach dem fünfjährigen afroamerikanischen Mädchen Hailey Hansen seinen Job und seine Ehe gekostet hat, kann sich Decker nicht mehr vorstellen, etwas anderes zu tun. Nachdem er mit seinen alten Kriegskameraden in Miami ein feuchtfröhliches Wiedersehen gefeiert hat, erzählt ihm sein Kumpel Charlie Sprague, der Decker im Irak das Leben gerettet hat und seitdem durch eine Brandwunde im Gesicht halbseitig entstellt ist, dass seine Frau Kim verschwunden ist.
Die junge Schönheitskönigin, die von Decker zur Hochzeit mit dem milliardenschweren Bauunternehmer zum Altar geführt worden ist, wollte nur ins Einkaufszentrum und ist seitdem nicht mehr aufzufinden.
Während Sergeant Dolores Delgado die erforderlichen Angaben in die Systeme speist und den polizeilichen Ermittlungsweg beschreitet, fängt Decker damit an, Kims beste Freundin Sloane aufzusuchen und den Spuren nach Kims Eltern nachzugehen, die gar nicht so tot sind, wie zunächst angenommen worden ist. Offensichtlich ist Kim als Carolynne May Woodley in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, von ihrer Mutter von einem Schönheitswettbewerb zum nächsten gefahren, ist von einem Jungen schwanger geworden und dann unter neuem Namen ein neues Leben begonnen, in dem ihre Eltern keine Rolle mehr spielten.
Da Kims Vater als Gefängniswärter arbeitet, vermutet Decker zunächst einen Racheakt des inhaftierten DeMichael Morrison, dem Woodley übel mitgespielt hat, doch tatsächlich führt die Spur weiter zu einer elitären Escort-Agentur und Menschenhändlern aus der Ukraine, die ihre Zentrale mittlerweile nach Deutschland verlegt haben.
Decker hat mehrere Theorien über Kims Verschwinden zu überprüfen. Sie könnte Opfer einer Säuberungsaktion der Russen oder eines Konflikts zwischen Morrison und Woodley sein, aber auch Charlie könnte hinter die Vorgeschichte seiner Frau gekommen sein und sie umgebracht haben, bevor der Skandal größeren Schaden anrichten konnte.
„Tatsächlich gab es sogar noch eine vierte Möglichkeit.
Kim war einfach gegangen. Sie hatte ihr Leben sattgehabt und war irgendwohin, wo sie sich erneut selbst erfinden wollte. Wenn es so war, dann war das ihr gutes Recht; aber andererseits hatte Charlie auch das Recht, es zu erfahren.“ (S. 211) 
Decker grast in Deutschland die Rotlichtbezirke in den Großstädten ab und landet über München, Hamburg, Lüneburg und Berlin schließlich in Erfurt, wo es zum großen Showdown und einigen Überraschungen kommt.
Mit Frank Decker hat der amerikanische Bestseller-Autor Don Winslow wie schon mit seiner ersten Serien-Figur Neal Carey einen besonders hartnäckigen Ermittler kreiert, der im Gegensatz zum jungen Akademiker, der Carey eigentlich sein will, durch seine Vergangenheit als Marine und Cop extrem kampferprobt ist und weiß, wie Ermittlungen zu führen sind. Ähnlich wie bei Deckers ersten Auftrag in „Missing: New York“ führen die Spuren wieder in die Szene von Menschenhandel und dem Geschäft mit Sex, wieder muss Decker einer Vielzahl ganz unterschiedlicher Spuren folgen, bis er sein Ziel vor Augen hat. Die knackige Prosa und der Charakter seines Helden rufen Erinnerungen an Lee Childs coole Jack-Reacher-Romane wach und lassen sich ebenso spannend lesen. Im Gegensatz zu Winslows komplexeren und wuchtigeren Werken, die im Drogenmilieu angesiedelt sind, dürfte die Frank-Decker-Reihe auch Fans von James Patterson und Linwood Barclay ansprechen.
Leseprobe Don Winslow - "Germany"

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