Freitag, 4. März 2016

Andreas Pflüger – „Endgültig“

(Suhrkamp, 459 S., HC)
Vor fünf Jahren war Jenny Aaron Mitglied einer international operierenden Elitetruppe der Polizei und mit ihrem Kollegen Niko Kvist, mit dem sie auch noch liiert gewesen ist, in Barcelona mit einer Mission beschäftigt, bei der Marc Chagalls zwei Jahre zuvor in der Berliner Nationalgalerie gestohlenes Gemälde „Die Traumtänzerin“ wiederbeschafft werden sollte. Doch der Einsatz schlägt fürchterlich fehl. Nach einem Schusswechsel lässt sie ihren schwerverletzten Partner Niko zurück, flüchtet selbst in einem Daimler, wird von Ludger Holm verfolgt und von ihm so getroffen, dass sie erblindet. Mittlerweile arbeitet die Tochter des legendären GSG-9-Urgesteins Jörg Aaron als Verhörspezialistin und Fallanalytikerin beim BKA.
Als in der Zelle des lebenslänglich verurteilten Frauenmörders Reinhold Böhnisch die Polizeipsychologin Melanie Breuer ermordet wird, kommt Holms Bruder Sascha ins Spiel, der in Barcelona zu achtundvierzig Jahren Haft verurteilt wurde und auf seinen Antrag hin nach Tegel verlegt wurde, weil er eine Brieffreundin in Berlin hatte.
Aaron begreift schnell, dass der Mord an der Polizeipsychologin nur der Anfang eines raffinierten Komplotts ist, mit dem sich die Holm-Brüder an ihr rächen wollen. Verzweifelt versucht sich die erblindete Ermittlerin an die Ereignisse in Barcelona zu erinnern, die den Schlüssel für die aktuellen Ereignisse darstellen.
„Inmitten des wütenden Feuers klammert sich Aaron daran, dass die fehlenden Minuten von großer Bedeutung sind, dass sie begreifen muss, warum sie so gehandelt hat, weil dieses Wissen sie retten kann, die Bilder dann rückwärts rasen und es sein wird, als hätte das Feuer nie gewütet. Dass ein jedes wieder an seinem Platz sein wird, endgültig. Und Aaron wird hoch oben auf einem Berg stehen und ihr Leben wie eine weite Landschaft unter sich sehen, in der sie jeden Stein kennt und alles, was darunter ist.“ (S. 123) 
Als Holm einen Bus mit schwedischen Schulkindern am Berliner Holocaust-Mahnmal in seine Gewalt bringt, verlangt er fünf Millionen Euro und die Freilassung seines Bruders aus dem Gefängnis. Für Aaron und ihre Kollegen beginnt ein aufreibendes Katz- und Maus-Spiel, in dem sich Holm als raffinierter wie kaltblütiger Taktiker entpuppt.
Andreas Pflüger ist nicht nur ein ebenso fleißiger wie renommierter Drehbuchautor, der nicht nur u.a. mit Volker Schlöndorff („Der neunte Tag“, „Strajk“) zusammengearbeitet und die Drehbücher zu etlichen „Tatort“-Filmen verfasst hat, sondern 2004 auch sein Romandebüt „Operation Rubikon“ veröffentlichte.
Mit „Endgültig“ bleibt er dem Thriller-Genre und dem BKA treu, hat mit der während der Ausübung ihres Dienstes erblindeten Jenny Aaron eine charakterstarke, pflichtbewusste und energische Heldin geschaffen, deren Alltag und außergewöhnliche Fähigkeiten der Autor mit Präzision und Gefühl beschreibt.
Zwar sind die Wechsel zwischen extrem kurzen Sätzen und atmosphärischen Beschreibungen ebenso gewöhnungsbedürftig wie die Zeitsprünge und die komplexe Verquickung der beteiligten Personen miteinander, aber dabei ist ein extrem spannungsgeladener Thriller entstanden, der von Beginn an satte Action und ein schillerndes Ensemble an Kriminellen und außergewöhnlich befähigten Polizeibeamten bietet.
Besonders gelungen sind dabei die Inneneinsichten seiner Protagonistin, ihr stetes Bemühen, den Verlust ihrer Sehkraft auszugleichen und weiterhin brillant in ihrem Job zu sein, während sie immer noch zu verstehen versucht, was damals wirklich in Barcelona geschehen ist. Mit Ludger Holm steht ihr aber auch ein ebenso entschlossener, hochintelligenter Mann gegenüber, dessen Beweggründe erst im wendungsreichen Finale offenbart werden. Auf die angekündigte Fortsetzung darf man schon sehr gespannt sein!
Leseprobe Andreas Pflüger - "Endgültig"

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