Samstag, 12. November 2016

Karin Slaughter – (Grant County: 1) „Belladonna“

(Wunderlich, 413 S., HC)
Vor zwölf Jahren hat Sara Linton noch als Assistenzärztin im Grady Hospital in Atlanta gearbeitet, doch nach einem traumatischen Erlebnis hat sie ihre Heimatstadt verlassen und praktiziert nun in der verschlafenen Kleinstadt Heartsdale als Kinderärztin am Krankenhaus und als Gerichtspathologin. Als sie sich in ihrer späten Mittagspause mit ihrer Schwester Tess im örtlichen Diner trifft, entdeckt sie auf der Toilette die verblutende College-Dozentin Sybil Adams. Sara kann die schwer verwundete Frau nicht mehr retten und führt wenig später die Autopsie durch, bei der ihr nicht nur die tiefen Schnitte auf dem Bauch der Toten auffallen, die ein Kreuz bilden, sondern auch Hinweise auf eine brutale Vergewaltigung und Spuren der giftigen Tollkirsche – auch als Belladonna bekannt - im Blut der Toten, die zudem blind und lesbisch gewesen ist.
Polizeichef Jeffrey Tolliver, von dem sich Sara vor einiger Zeit wegen einer Affäre hat scheiden lassen, ist ratlos, was das Motiv für den schrecklichen Mord angeht. Als wenig später die dreiundzwanzigjährige Studentin Julia Matthews als vermisst gemeldet wird, fallen Jeffrey Tolliver und seiner Partnerin Lena Adams die Ähnlichkeit zwischen ihr und Lenas ermordeter Schwester auf. Um ihrem Verdacht auf einen Serienmörder nachzugehen, arbeiten die Ermittler eine Liste mit bekannten Sexualstraftätern ab und stoßen auf einen Namen, der Bezug zu einer dunklen Episode aus Saras Leben hat, von der die Betroffene ihm Ex-Mann nie erzählt hatte.
Aber auch Lena hat schwer mit dem Verlust ihrer Schwester zu kämpfen und setzt alles daran, von den Ermittlungen nichts ausgeschlossen zu werden.
„Sie war betäubt von dem Verlust, und Wut war die einzige Emotion, die ihr das Gefühl vermittelte, noch am Leben zu sein. So schloss sie ihre Wut geradezu in die Arme, gestattete ihr, wie ein Krebsgeschwür in ihr zu wachsen, damit sie nicht zusammenbrach und zu einem ohnmächtigen Kind wurde. Sie brauchte ihre Wut, um die Situation durchzustehen. Wenn Sybils Mörder erst einmal erwischt worden war und man auch Julia Matthews gefunden hatte, würde Lena sich Trauer zugestehen.“ (S. 164) 
Nach Patricia Cornwell und Kathy Reichs hat auch Karin Slaughter eine weibliche Pathologin zur Protagonistin einer bis heute extrem erfolgreichen Serie auserkoren. Mit ihrem 2001 veröffentlichten und zwei Jahre später auch hierzulande verlegten Romandebüt „Belladonna“ hat die amerikanische Autorin gleich einen Bestseller landen können, dessen Protagonisten bis heute in der „Grant County“-Reihe ihre Ermittlungsarbeit fortsetzen.
Slaughter macht ihrem Nachnamen dabei alle Ehre und scheint ein perfides Vergnügen dabei zu empfinden, Sara Lintons Erkenntnisse bei den von ihr durchgeführten Autopsien bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Wer sich von diesen schaurigen Schilderungen nicht abschrecken lässt, wird mit einem packenden Thriller belohnt, der vor allem durch die sorgfältigen Charakterisierungen der drei Protagonisten Jeffrey Tolliver, Sara Linton und Lena Adams überzeugt, während das Finale mit der Überführung des Täters weniger stimmig wirkt. Auf jeden Fall ist mit „Belladonna“ der vielversprechende Auftakt einer sehr lesenswerten Thriller-Reihe gelegt worden.
Leseprobe "Belladonna"

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