Samstag, 17. Dezember 2016

Lee Child – (Jack Reacher: 3) „Sein wahres Gesicht“

(Blanvalet, 502 S., Tb.)
Nachdem Jack Reacher als Soldaten-Sohn und schließlich selbst als Elite-Soldat und Ermittler bei der Militärpolizei überall auf der Welt zuhause gewesen ist, genießt er es, seit seiner Freistellung vor einigen Jahren endlich seine eigentliche Heimat kennenzulernen. Momentan lebt er in Key West, Florida, und verdient sich seinen Lebensunterhalt mit dem Ausgraben von Swimming Pools und als Aufpasser in einer Oben-ohne-Bar. Doch dann taucht ein Privatdetektiv namens Costello auf, der ihn im Auftrag einer Mrs. Jacob ausfindig machen soll. Da Reacher keine Mrs. Jacob kennt, gibt er sich nicht zu erkennen, nur um wenig später festzustellen, dass Costello von zwei Killern ermordet worden ist, die ebenfalls nach ihm suchen.
Natürlich will Reacher herausfinden, wer diese geheimnisvolle Mrs. Jacob ist, und reist nach New York, wo er erfahren muss, dass sein alter Mentor Leon Garber beerdigt wird und seine schöne Tochter Jodie unter dem Namen Jacob nach ihm suchen ließ. Sie ist mittlerweile eine erfolgreiche Anwältin und macht Reacher mit dem Fall der Hobies vertraut, mit dem sich der alte Garber vor seinem Tod beschäftigt hat.
Das alte Ehepaar sucht nach wie vor nach ihrem Sohn Victor, der vor fast dreißig Jahren in Vietnam nach einem Hubschrauber-Absturz vermisst wird. Als sich Reacher auf die Spurensuche beim Militär macht, erfährt er, dass Hobie den Absturz überlebt haben soll, im Lazarett aber einen Sanitäter tötete und seitdem auf der Flucht ist. Tatsächlich ist Hobie längst in seine Heimat zurückgekehrt und sich als Kredithai ein Vermögen aufgebaut. Derzeit versucht er den von Pech und Unvermögen gezeichneten Kleinindustriellen Chester Stone um Firma, Frau und Privatvermögen zu bringen. Dabei läuft ihm allerdings die Zeit davon, denn seine wahre Identität scheint bald entschlüsselt zu werden.
Während ihrer gemeinsamen Ermittlungstätigkeit kommen sich Reacher und Jodie endlich so nahe, wie sie es sich schon vor Jahren, als Jodie noch zarte 15 Jahre jung gewesen war, erträumt hatten.
Die Flitterwochen sind vorüber, Kumpel! Dein Leben hat sich verändert, und die eigentlichen Probleme fangen erst an. Er hatte diese Situation ignoriert. Aber er war sich bewusst, dass er erstmals etwas besaß, das ihm genommen werden konnte. Er hatte jemanden, um den er sich Sorgen machen musste. Das war ein Vergnügen, aber auch eine Belastung.“ (S. 362) 
Nach den ersten beiden absolut gelungenen Romanen um den Militärpolizist-Veteranen Jack Reacher, der nach seiner Freistellung vom Militärdienst eher ziel- und besitzlos durch die Vereinigten Staaten von Amerika zieht und dabei immer wieder in Situationen gerät, bei denen sein Ermittler-Instinkt aktiviert wird, fällt der dritte Band deutlich ab. Das liegt nicht nur an dem stark abgegriffenen Plot, der das US-amerikanische Vietnam-Trauma mit unerträglichem Pathos thematisiert, sondern auch an der wenig glaubwürdigen Liaison zwischen Reacher und der schönen Tochter seines ehemaligen Vorgesetzten und väterlichen Freundes Leon Garber.
Was den Leser zwischen den 500 Seiten immer wieder bei Laune hält, ist die eigentliche Ermittlungstätigkeit des charismatischen Protagonisten Jack Reacher, der in „Sein wahres Gesicht“ allerdings seiner alten Form in jeder Hinsicht hinterherläuft. Von Spannung und Action, herausragende Merkmale der ersten beiden Reacher-Bände „Größenwahn“ und „Ausgeliefert“, fehlt fast jede Spur, und auch das holprige Finale enttäuscht auf ganzer Linie.
Die interessante Frage, was Reacher eigentlich aus seinem Leben machen soll, wird zwar kurz angerissen, aber nicht wieder aufgegriffen, so dass sich Reacher-Fans erst wieder mit den nachfolgenden Bänden gut unterhalten lassen dürfen.  
Leseprobe Lee Child - "Sein wahres Gesicht"

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