Sonntag, 26. November 2017

Terry Burrows, Daniel Miller - „Mute – Die Geschichte eines Labels“

(Blumenbar, 320 S., HC)
Das 1978 von Daniel Miller gegründete Label Mute Records ist nicht nur die Heimat kommerziell erfolgreicher Acts wie vor allem Depeche Mode, Yazoo, Erasure, Goldfrapp und Moby, sondern neben Some Bizarre, 4AD und Factory auch eines der bis heute interessantesten und erfolgreichsten Indie-Labels überhaupt. In der von Terry Burrows und Daniel Miller selbst verfassten Label-Chronik „Mute – Die Geschichte eines Labels“ wird der Fokus vor allem auf die visuelle Seite des Labels gerichtet, das im Gegensatz zu anderen Labels kein in sich geschlossenes Konzept verfolgt, sondern eher künstlergesteuert ist.
Bevor erst auf Seite 24 Daniel Miller in der Einleitung erläutert, wie er von der DIY-Philosophie der Punk-Bewegung, deutschen Elektronik-Acts wie Neu!, Can, Amon Düül II und Kraftwerk und vor dem Hintergrund seiner eigenen Ausbildung an der Art School dazu inspiriert wurde, unter dem Namen The Normal eine Doppel-Single („T.V.O.D.“/“Warm Leatherette“) zu veröffentlichen und nach dem unerwarteten Erfolg ein Label mit Künstlern wie Frank Tovey aka Fad Gadget, D.A.F. und Depeche Mode aufzubauen, gleitet der Blick des Lesers/Betrachters nämlich zunächst über eine Reihe von Künstlerfotos, Videostills und Plattenartworks sowie einen imponierenden Label-Stammbaum, der vor allem die Beziehungen zwischen den einzelnen Acts kartografiert.
„Als die Idee für dieses Buch laut wurde, war sofort klar, dass das nicht die übliche Biografie werden sollte; vielmehr sollte es die Geschichte des Labels visuell erzählen – sei es durch Artwork, Fotos, Verpackung oder Design. Was nur logisch ist, denn obwohl Mute sich in erster Linie um die Musik kümmert, war die Präsentation unserer Künstler und deren Releases immer ein wichtiger Teil der Labelarbeit.“ (S. 25) 
Während es mittlerweile ausführliche Biografien über Depeche Mode, Nick Cave und D.A.F. gibt, beschränkt sich Terry Burrows in seiner Geschichte über Mute eher darauf, wie wegweisende Begegnungen zustande gekommen sind, mit denen Miller sein Label nach und nach aufgebaut hat, dessen Name er seiner Tätigkeit als Cutter bei Associates Television entlieh, in dessen Studios die „Mute“-Warnschilder omnipräsent gewesen sind.
Es sind schöne, interessante Geschichten, wie Daniel Miller mit seinem eigenen, kurzweiligen Projekt The Normal und der ersten Fad-Gadget-Single „Back To Nature“ erste Erfolge feiern konnte und so das Geld hatte, drei Studiotage bei Conny Plank in Köln zu finanzieren, wo der Produzent das erste D.A.F.-Album vollenden sollte.
Größeren Raum in dem Buch nimmt natürlich die Erfolgsgeschichte von Depeche Mode ein, der frühe Weggang von Vince Clarke, der daraufhin mit Yazoo, The Assembly und Erasure andere mehr oder weniger langlebige und erfolgreiche Projekte initiierte. Natürlich wird im Zusammenhang mit der visuellen Präsentation des Mute-Label-Outputs auch die Bedeutung und Arbeit von Designern wie Adrian Shaughnessy und den Fotografen Brian Griffin und Anton Corbijn gewürdigt, die verschiedenen Sublabels, unter denen vor allem The Grey Area mit der Wiederveröffentlichung von Alben der Industrial-Ära, von Acts wie Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire, SPK, Thomas Leer und Robert Rental, eine Schlüsselstellung einnehmen sollte.
Zum Schluss werden auch die Turbulenzen thematisiert, in den Mute geraten sollte, als Miller das Label 2002 an EMI verkaufte, aber weiterhin künstlerischer Leiter blieb, bis auch EMI verkauft wurde und Miller einen Neuanfang mit Mute Artists wagte. Bislang hat Miller noch keine Pläne, in Rente zu gehen.
Das ist angesichts der zunehmend anonymisierten Fließbandproduktionen im Musikgeschäft ein Zeichen der Hoffnung, und der vorliegende Bildband unterstreicht die Ambitionen des einzigartigen Labels auf eindrucksvolle Weise. 
Leseprobe "Mute - Die Geschichte eines Labels"

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