Sonntag, 8. April 2018

Donal Ryan – „Die Lieben der Melody Shee“

(Diogenes, 296 S., HC)
Die dreiunddreißigjährige Melody Shee trägt sich mit dem Gedanken, sich und ihr noch ungeborenes Kind umzubringen. Die Ehe mit ihrem Highschool-Schwarm Pat liegt in Trümmern, nachdem sich ihr Mann nach zwei Fehlgeburten heimlich sterilisieren lassen und seine Bedürfnisse nicht mehr im Ehebett, sondern bei Prostituierten befriedigt hat.
Melody, die ihren Traum von einer Karriere als Journalistin an den Nagel hängen musste und stattdessen als Nachhilfelehrerin arbeitet, rächt sich, indem sie einen ihrer Schüler, den siebzehnjährigen Traveller Martin Toppy, verführt und schwanger wird.
Sie hadert mit ihrem Schicksal, will wieder in ihr Elternhaus zu ihrem Vater ziehen, der sie beschwichtigt, dass alles gut wird. Tatsächlich freundet sich Melody allmählich mit dem Gedanken an, ihr Baby zur Welt zu bringen. Und dann lernt sie die neunzehnjährige Mary Crothery kennen, die sich selbst als eine „Schande für die Familie“ bezeichnet, die ihrem Mann keine Kinder schenken konnte und ihre einst beste Freundin Breedie in den Selbstmord getrieben hat.
Melody ist hin- und hergerissen, wie sie mit ihren Sünden, die sie in ihrer erzkatholischen Heimat begangen hat, umgehen soll, wie sie sich ihrem eigenen Kind und vor allem Pat gegenüber verhalten soll, und trifft eine außergewöhnliche Entscheidung.
„Pat hatte Sex mit Prostituierten: Das ist Fakt. Ich hatte Sex mit einem Jugendlichen, einem Schutzbefohlenen: Auch das ist Fakt. Welche Worte hätten etwas an der Tatsache ändern sollen, dass wir zu solchen Dingen fähig wären? Menschen tun einander Schlimmeres an, aber viel schlimmer wird es nicht. Wir haben Greueltaten begangen. In unserem Einfamilienhaus hat ein Holocaust stattgefunden, eine Auslöschung der Liebe.“ (S. 125) 
Der irische Schriftsteller Donal Ryan wurde für seinen Roman „Die Gesichter der Wahrheit“ mit dem Irish Book Award, dem Guardian First Book Award und dem European Union Prize for Literature ausgezeichnet. Wie in seinem Debüt „Die Sache mit dem Dezember“ und seinem preisgekrönten Zweitwerk erweist sich Ryan auch in „Die Lieben der Melody Shee“ als feinfühliger Beobachter menschlicher Befindlichkeiten. Im Gegensatz zu „Die Gesichter der Wahrheit“, wo der Autor eine ganze Reihe von Ich-Erzählern aufgefahren hat, die von ihren durch die Finanzkrise geprägten Schicksalen berichten, konzentriert sich Ryan in seinem neuen Roman auf zwei Frauengestalten, die ihre Vorstellung vom Liebesglück nicht realisieren konnten und als Konsequenz für ihr moralisch verwerfliches Verhalten von der Gesellschaft ausgestoßen worden sind.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht zwar die titelgebende Melodie Shee, aber das Schicksal ihrer Schülerin Mary wird immer enger mit ihrem eigenen verbunden. Ryan bedient sich der einfachen Sprache seiner Protagonisten und entwirft so ein stimmiges Portrait verzweifelter Frauen, die an den gesellschaftlichen Normen zugrunde zu gehen drohen, aber am Ende stark genug sind, mit den Entscheidungen, die sie treffen mussten, leben zu können.
Geschickt verwebt der Autor dabei ebenso Vergangenheit und Gegenwart wie die Schicksale seiner Figuren, die er weder verurteilt noch mit Mitleid überhäuft. Stattdessen bewegt er sich sehr subtil und einfühlsam zwischen all den verwirrenden Gefühlsregungen von Liebe, Trauer, Leidenschaft, Verrat, Verlust und Enttäuschung. 
Leseprobe Donal Ryan - "Die Lieben der Melody Shee"

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