Samstag, 28. April 2018

Natalio Grueso – „Der Wörterschmuggler“

(Atlantik, 254 S., Tb.)
Bruno Labastide hält sich für den einsamsten Menschen der Welt. Den sympathischen Abenteurer mit Sinn für kuriose Geschichten zieht es nach Venedig, der seiner Meinung nach melancholischsten und einsamsten Stadt der Welt. Doch in dem kleinen Apartment im gar nicht so touristischen Stadtviertel Dorsoduro hofft er die schreckliche Last der Einsamkeit lindern zu können, als er die geheimnisvolle wie wunderschöne Japanerin Keiko kennenlernt, die auf ihre eigene Weise mit der Einsamkeit umgeht: Ihre Liebhaber sucht sie sich nur für eine Nacht und nach der Schönheit der Verse aus, die ihr ihre Verehrer zukommen lassen.
Bruno hat es sich zur Aufgabe gemacht, Keiko mit immer neuen außergewöhnlichen Geschichten zu betören, beispielsweise mit der über den Argentinier Horacio Ricott, der Bücher statt Medikamente verschreibt, über den argentinischen Fußball-Moderator Ricardo Kublait und den Jungen namens Lucas, der in einer Zeit, als der für jedes gesprochene oder geschriebene Wort bezahlt werden muss, Wörter schmuggelt, um der wunderschönen Clara seine Liebe zu gestehen.
In einer weiteren Geschichte heuert Bruno in einem Genfer Hotel als Barkeeper an, wo er vor allem dafür sorgen muss, dass der Pianist, der nie auch nur eine Note falsch spielt, immer genügend Whisky in seinem Glas hat, und eine wohlhabende Dame kennenlernt, die eine besondere Vorliebe für Champagner hegt.
Und dann ist Bruno der mysteriösen Figur des Traumjägers auf der Spur, von dem er erstmals durch einen alten Mann am Ufer des Atitlán-Sees gehört hat. Der Legende nach soll der Traumjäger sich unvermittelt einem Menschen vorstellen, ihn nach seinen Träumen fragen, um dann den Berg hinaufzusteigen und einem den Traum zu verwirklichen.
„Die Geschichte des alten Mannes und der Traumjäger faszinierte mich. Allein der Gedanke an die Existenz einer magischen Figur, die durch die Dörfer und Berge streifte und Gutes tat, traurige oder müde Menschen suchte, arme Menschen, denen das Leben übel mitgespielt hatte, um ihnen dann einen ihrer Träume zu erfüllen, wenigstens einen, erschien mir wie eine wundersame poetische Gerechtigkeit. Und wenn es diese Persönlichkeit wirklich gab, wollte ich sie kennenlernen.“ (S. 198) 
Natalio Grueso ist Regisseur sowohl am Teatro Español als auch am Institut für Performing Arts of the City of Madrid und liefert mit „Der Wörterschmuggler“ seinen ersten Roman ab, der durch seine ungewöhnliche Form überrascht. Zwar bildet der Ich-Erzähler Bruno Labastide den Mittelpunkt in dem kurzweiligen Werk, doch geht es dem Autor eher darum, Gefühle von Einsamkeit, Melancholie und der Sehnsucht nach Liebe zu vermitteln, statt eine zusammenhängende Geschichte mit ausgefeilten Charakteren zu erzählen.
Schon der Ausgangspunkt der Erzählung in Venedig mit der wunderschönen Japanerin, die ihre Geliebten allein nach poetischen Gesichtspunkten und nicht nach Aussehen oder Status auswählt, macht deutlich, wie sehr die Liebe und Erotik den Takt für die nachfolgenden Geschichten vorgibt. Die Figuren bewegen sich an illustren Orten wie Paris, Bueno Aires, Shanghai und Sankt Petersburg, sind Pianisten, Traumjäger, Kaviarschmuggler, Radiomoderation oder Auslandskorrespondenten, kleine Jungen und alte Männer oder Frauen, die einfach nur gern Champagner trinken.  
Grueso demonstriert eine feine poetische Ader, die die einzelnen Geschichten auszeichnet und der allgegenwärtigen Sehnsucht nach Liebe und der Erfüllung von Träumen melancholischen Ausdruck verleiht, aber zum Glück auch immer wieder Hoffnung.
Schön wäre es gewesen, mehr als nur kurze Momentaufnahmen aus dem Leben der skizzierten Figuren präsentiert zu bekommen. Jede einzelne Geschichte hätte wahrscheinlich das Potenzial für einen Roman gehabt. So flüchtig die einzelnen Eindrücke auch bleiben, brilliert Grueso mit magischer Sprache und außergewöhnlichen Ideen, die sich um die ganz großen menschlichen Gefühle drehen.

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