Freitag, 13. April 2018

Katrine Engberg – „Krokodilwächter“

(Diogenes, 506 S., HC)
Als sich Gregers Hermansen über die geöffnete Wohnungstür der beiden Studentinnen im 1. Stock des Miethauses der pensionierten Lehrerin Esther de Laurenti bemerkt, will er nach dem Rechten sehen und entdeckt eine schrecklich zugerichtete weibliche Leiche, die später als eine der Studentinnen, Julie Stender, identifiziert wird.
Während Gregers mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wird, übernimmt das Ermittlerduo Jeppe Kørner und Anette Werner von der Mordkommission in Kopenhagen den Fall und stößt bald auf eine interessante Tatsache: Die Vermieterin Esther de Laurenti hat den Mord nahezu identisch in einem Krimi-Manuskript beschrieben, das sie in einer Online-Schreibgruppe mit Anna Harlov und dem bekannten Künstler Erik Kingo geteilt hat.
Bei ihren Ermittlungen stoßen der unter der Trennung von seiner Frau leidende Jeppe und seine besonnene Kollegin auf ein reges Sexualleben der Toten, die von ihrem Vater abgöttisch geliebt wurde und bereits eine Schwangerschaft hinter sich hatte, die offenbar aus einer Affäre mit ihrem damaligen Lehrer hervorgegangen war. Als dann auch noch Julies jugendlicher Freund Kristoffer tot aufgefunden wird, haben die Ermittler alle Mühe, Verbindungen zwischen den beiden Morden herzustellen und ein Motiv für die Taten zu entdecken.
Die alkoholsüchtige Esther beschließt, über Google Docs Kontakt mit dem Mörder aufzunehmen, der offensichtlich Zugriff auf ihr Manuskript hat.
„Worum ging es hier? Könnte jemand auf die Idee kommen, Menschen zu ermorden, weil er der Ansicht war, dass sie ein schlechtes Buch geschrieben hatte? Es war ja nicht einmal fertig, geschweige denn veröffentlicht!
Was willst du, schrieb sie und löschte es sofort wieder. Mitten in einem Mordfall kann man einem Verrückten nicht so einfach schreiben. Wenn aber der Verrückte als Erster schreibt? Wäre es dann nicht dumm, nicht zu antworten?“ (S. 292f.) 
Mit ihrem Krimidebüt „Krokodilwächter“ stürmte die aus Kopenhagen stammende Autorin, Tänzerin, Choreographin und Regisseurin Katrine Engberg gleich an die Spitze der dänischen Bestseller-Liste. Dabei wirkt der Mord nach einer literarischen Vorlage zunächst nicht besonders originell. Der Täterkreis scheint durch die begrenzte Bekanntheit des dem Mord zugrundeliegenden Manuskripts zwar sehr beschränkt zu sein, aber Engberg legt immer weitere Spuren, die vor allem auf das rege Sexualleben und die Verwicklungen zwischen ihren Liebhabern zurückgehen. Die Autorin geht mit Charakterisierungen eher sparsam um. Den beiden Ermittlern wird dabei die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wie den Opfern, Zeugen und Verdächtigen.
Während Jeppe Kørner wegen der Trennung von seiner Frau Therese, die mit ihrem neuen Lebensgefährten Niels ihr Glück gefunden zu haben scheint, unter psychosomatischen Rückenschmerzen leidet und sich freut, durch eine Affäre mit einer verheirateten Frau wieder etwas Pepp in sein Sexleben zu bringen, wird Anette Werner nur als ausgeglichene Ehefrau und Ermittlerin beschrieben, die vielleicht ein paar Pfunde zu viel mit sich herumträgt.
Es bleibt abzuwarten, inwieweit dieses Duo in den Folgebänden an Konturen gewinnt. Engberg konzentriert sich stattdessen ganz auf die schnörkellos geschilderte Ermittlungsarbeit und dabei vor allem auf die etwas verworrenen Beziehungen, die erst nach und nach das Mordmotiv offenbaren. Bis dahin bekommt es der Leser mit einem eher durchschnittlich spannenden, arg konstruierten Plot zu tun, der wenig Originelles zu bieten hat. Bei dem verwöhnten deutschen Krimi-Publikum wird es „Krokodilwächter“ nicht leicht haben, sich durchzusetzen. 
Leseprobe Katrine Engberg - "Krokodilwächter"

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