Sonntag, 22. April 2018

Andrea De Carlo – „Macno“

(Diogenes, 280 S., HC)
Gerade als Macno, charismatischer Diktator eines fiktiven südamerikanischen Staates, eine weitere Version der Rede zum Dritten Jahrestag aufgenommen hat, die in einigen Wochen ausgestrahlt werden soll, nehmen die Palastwachen zwei Eindringlinge fest, die zunächst für Terroristen gehalten werden. Doch die aus München stammende, nun in New York lebende Journalistin Liza Förster und Kameramann Ted Wesley wollen nur ein Interview mit dem Präsidenten, das ihnen Macno überraschenderweise auch gewähren will. Doch einen Termin zu finden, erweist sich als äußerst schwierig.
Macno lädt die beiden Journalisten ein, in seinem Palast zu wohnen. Während sich Liza und Macno vor allem persönlich näherkommen, rückt das angestrebte Interview zunehmend in die Ferne. Stattdessen unterhält sie sich mit dem Botaniker und Schriftsteller Henry Dunnell und Macnos rechter Hand, Ottavio Larici, der offensichtlich eigene Pläne mit Liza verfolgt. Er zeigt ihr alte Videos von Macnos legendär gewordener Talk-Show „Kollisionen“, in denen er vom abgesprochenen Konzept vorher abgesprochener Fragen abwich und so dem damaligen Ministerpräsidenten vom Thron stürzte.
Doch die populistische Kritik an Korruption und Unehrlichkeit der politischen Elite scheint Macno keine lange eigene politische Karriere zu bescheren. An eigenen konkreten Ideen und Konzepten zur Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas hat es ihm schon immer gemangelt, aber nun scheint ihm auch sein medienwirksames Charisma verloren zu gehen …
„Ottavio sagt: ‚Macno war nie ein Politiker. Er hatte weder ein politisches Programm noch ein politisches Bezugssystem, noch die Fähigkeit zur politischen Analyse – so unglaublich es klingen mag. Ihn interessierte die Welt und das Leben, wie er selbst sagte. Er hatte diese utopische und wenn du willst kindliche Vision, wie die Dinge sein könnten, wie schön das Leben sein könnte, wenn wir alle anders wären und die Umwelt anders wäre, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Rollen und so weiter.“ (S. 224) 
Mit seinem dritten Roman nach „cream train“ und „Vögel in Käfigen und Volieren“ kreierte der Mailänder Schriftsteller Andrea De Carlo eine Mediensatire, die über dreißig Jahre danach leider nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Dabei vermeidet De Carlo konkrete Hinweise auf den politischen Führungsstil seines fiktiven Diktators. Vielmehr geht es dem Autor darum, die Scheinheiligkeit politischer Führer und Parteien zu entblößen, die kollektive Heuchelei, das strikte Verfolgen eigener Interessen, während die Menschen im Land Opfer von Plünderungen, Gewalt und Betrug wurden.
Der Plot beschränkt sich dabei fast nur auf den einen Monat, den Liza und Ted im präsidialen Palast verbringen, ohne ihrem Interview näher zu kommen, was die Ohnmacht der Medien in quasi diktatorisch geführten Staaten veranschaulicht. Letztlich gelingt es Liza nicht, ein persönliches Portrait von Macno zu zeichnen. De Carlo überzeichnet das Leben in Macnos Palast auf fast comichafte Weise, wenn Macno von all den berühmten Künstlern, Schauspielern und Prominenten, die sich auf den Festen und Empfängen vergnügen, nur angewidert ist, doch einen Ausweg bietet der Autor auch nicht an. Ähnlich wie sein titelgebender Protagonist beschränkt sich De Carlo auf die wenig schmeichelhafte Beschreibung des Ist-Zustandes und sorgt mit der eingestreuten Affäre für noch mehr triviale Ablenkung, als es Macno und sein Gefolge im Palast für die Massen besorgen.

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