Samstag, 3. November 2012

Jason Starr – „Dumm gelaufen“

(Diogenes, 288 S., Pb.)
Mickey Prada arbeitet in einem Brooklyner Fischgeschäft, um sich so sein Studium zu finanzieren. Außerdem lebt er mit seinem an Alzheimer erkrankten Vater zusammen, um den er sich kümmern muss. Doch das geordnete Leben des jungen Mannes beginnt aus den Fugen zu geraten, als ein Stammkunde des Ladens, der sich als Angelo Santoro vorstellt und den Mickeys bester Freund Chris gleich als Mafioso identifiziert, Mickey bittet, ein paar Sportwetten für ihn abzuschließen.
Zu Mickeys Pech zählt nicht nur der Umstand, dass Angelo ausnahmslos alle Wetten verliert, sondern dass er partout seine Schulden nicht bezahlen will. Dennoch drängt er Mickey dazu, weitere Wetten für ihn bei Mickeys Buchhalter Artie abzuschließen.
“Während er auf dem Kings Highway nach Hause fuhr, spielte Mickey in Gedanken beide Varianten durch. Wenn er die Wette nicht abgab und die Seahawks verloren, stünde Angelo immer noch mit 1020 Dollar bei Artie in der Kreide. Wenn er die Wette abschloss und die Seahawks gewannen, würde Angelo morgen im Laden auftauchen und annehmen, seine Schulden hätten sich auf zwanzig Piepen reduziert, und Mickey müsste die tausend Dollar Unterschied gegenüber Artie ausgleichen. Mickey wäre so oder so am Arsch, und er entschied, dass er Angelos Wette irgendwie abschließen musste.“ (S. 89) 
Nachdem Mickey seinen Buchmacher immer wieder vertröstet hat, setzt Artie dem Jungen ein Ultimatum. Mickey bleibt nichts anderes übrig, als sein Gespartes anzuzapfen, um wenigstens einen Teil der Schulden zurückzuzahlen, nachdem Angelo schließlich völlig abgetaucht ist. Selbst die Freude über die Bekanntschaft mit der hübschen Rhonda währt nur kurz. Ihr Vater sieht den Umgang mit dem offensichtlichen Tunichtgut nicht gern, und schon bald geht Rhonda ihm aus dem Weg. Als sich für Mickey die Möglichkeit ergibt, bei einem todsicheren Einbruch seine Verluste wieder wettzumachen, hofft er, Rhonda zurückgewinnen zu können, doch natürlich geht auch diese Aktion fürchterlich schief …
Der New Yorker Schriftsteller Jason Starr hat sich zu einem wahren Meister darin entwickelt, sympathische Typen dabei zu beobachten, wie sie ihr eigenes Grab schaufeln oder zumindest von Tragödie zu Tragödie stolpern. Dass er dabei nie die Achtung vor seinen Figuren verliert und ihre Missgeschicke so beschreibt, als könnten sie jedem passieren, macht seine kurzweiligen Geschichten so lesenswert. In diese Tradition reiht sich das bereits 2003 vom Autor verfasste Werk mit dem programmatischen Titel „Dumm gelaufen“ nahtlos ein. Auf charmante Weise beschreibt Starr seinen an sich aufrechten Antihelden, der durch seine Gutmütigkeit unversehens in die Bredouille gerät und aus der Not heraus Dinge tut, die ihn noch tiefer in den Schlamassel reißen. Am Ende wird zwar nicht alles gut, aber zumindest einen Hoffnungsschimmer hält Starr für Mickey und seine Leser bereit.

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