Sonntag, 11. November 2012

Philippe Djian – „Die Rastlosen“

(Diogenes, 220 S., HC) 
Seit dem Durchbruch mit seinem dritten Roman „Betty Blue – 37,2° am Morgen“, der 1986 kongenial mit Béatrice Dalle und Jean-Hugues Anglade verfilmt worden ist, hat sich der französische Schriftsteller Philippe Djian mit Geschichten hervorgetan, in denen meist Männer in den besten Jahren, die irgendwie versuchen, als Schriftsteller durchzukommen, in verzwickte amouröse Abenteuer verstrickt werden. Dieses vertraute Terrain betritt der Leser auch in Djians neuem Werk „Die Rastlosen“.
Als 53-Jähriger hat es Marc längst aufgegeben, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden, und sich damit arrangiert, als Literaturdozent wenigstens bei seinen Studenten einen Sinn für die Kunst des Schreibens zu entwickeln. Dabei fällt es ihm mit zunehmendem Alter immer leichter, vor allem seine junge weibliche Zuhörerschaft zu betören. Um ja keinen Skandal zu riskieren, geht Marc beim Abschleppen der jungen Dinger stets überaus diskret vor. Diese Vorsicht macht sich in dem Moment bezahlt, als er eines Morgens neben der Leiche der 23-jährigen Barbara aufwacht, die er kurzerhand in einer Felsspalte entsorgt. Als er die Mutter des vermisst geltenden Mädchens kennenlernt, entdeckt Marc plötzlich ganz neue Gefühle in sich, nämlich die Leidenschaft für eine ältere, ihm intellektuell ebenbürtige Frau.
„Er konnte sich Myriam ohne weiteres im Badeanzug vorstellen – oder besser noch in Unterwäsche. Sie war knapp über fünfundvierzig. Bestens in Form. Und intellektuell gefestigt. Was gab es da noch zu sagen? Konnte man sich ein perfekteres Geschöpf, eine gefährlichere Begleitung denken? Die Vorstellung, dass man das Interesse einer solchen Person erweckte, war alles andere als unangenehm, ja sie steigerte sogar sein Selbstwertgefühl, fand er – denn so eine Person hatte ihren eigenen Kopf und ihren eigenen Geschmack und einiges an Lebenserfahrung. Plötzlich sprang ihm ins Auge, wie mittelmäßig seine Beziehungen mit den Studentinnen gewesen waren. Die Sexualität hatte die Welten nicht durchlässiger gemacht.“ (S. 56f.)
Doch einer Beziehung mit ihr stehen zwei Tatsachen im Wege: Seine Angebetete ist noch mit einem Soldaten verheiratet, der in Afghanistan verschollen scheint, und Marc lebt mit seiner Schwester Marianne in einem Haus, mit der ihn eine mehr als nur schwesterliche Beziehung verbindet …
Djian hat sich in seiner langjährigen Karriere als Meister von Erzählungen allerlei erotischer Verwirrungen erwiesen, und dieses Talent spielt er in seiner neuen, sehr flüssig geschriebenen Story voll aus. Die Ausgangssituation, dass sich ein Mann in besten Jahren mit weitaus jüngeren Damen herumschlägt, ist zwar allzu vertraut, wird in „Die Rastlosen“ aber auf sehr unterhaltsame Weise variiert. Das Jonglieren mit all den Frauen in Marc Leben sorgt für einige amüsante Reflexionen, und das psychologische Feingefühl, mit dem Djian seinen sympathischen Antihelden beschreibt, sorgt für einen vielschichtigen wie kurzweiligen Lesegenuss.

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