Samstag, 20. Juli 2013

Don Winslow – „Zeit des Zorns“

(Suhrkamp, 338 S., Pb.)
Sie könnten nicht unterschiedlicher sein, doch zusammen sind sie ein einzigartig gut funktionierendes Team: Chon heißt eigentlich John, und niemand weiß mehr, wann aus dem einen Namen der andere wurde. Wichtig ist nur, dass der aufbrausende, temperamentvolle Chon zusammen mit dem friedfertigen Ben das beste Hydro-Gras überhaupt anbaut und auf eine ausgesuchte Klientel bauen kann. Beide lieben O – Ophelia – abgöttisch, was auf absoluter Gegenseitigkeit beruht. Zwar wohnt O eigentlich noch bei ihrer Mutter, die sie nur Paku nennt – Passiv aggressive Königin des Universums -, doch die meiste Zeit hängt sie mit ihren Jungs ab und gibt deren Geld aus, weil sie außer shoppen und Sex keine nennenswerten Interessen verfolgt.
Das bequeme Leben in dem Vier-Millionen-Dollar-Bau auf einem Felsvorsprung oberhalb von Table Rock Beach ändert sich allerdings schlagartig, als das berüchtigte Baja-Kartell aus Mexico den Gras-Produzenten einen Deal anbietet, den man nicht ausschlagen sollte. Doch Ben, der sein Geld für Hilfsprojekte in aller Welt ausgibt, und Chon, der mit seiner SEAL-Ausbildung seine kämpferischen Instinkte schulen konnte, wollen lieber ihr Geschäft aufgeben und etwas Neues anfangen, wie beispielsweise in erneuerbare Energien zu investieren, als für das Kartell zu arbeiten. Doch ein Nein akzeptiert Elena Lauter Sanchez nicht, seit sie die Führung des Kartells übernommen hat. Sie lässt O entführen und bringt die Jungs in Zugzwang.
„Was sollen sie bloß machen?
Zum FBI gehen? Zur DEA?
Ben ist bereit, es zu tun, auch wenn es ihn zweifellos viele Jahre Gefängnis kosten würde, Hauptsache, es würde O retten. Aber das würde es nicht – es würde sie umbringen. Wenn die Bundesbehörden mit den Kartellen klarkämen, hätten sie längst dichtgemacht. Das fällt also aus.
Die Alternative ist …
Nada. 
Sie sind gearscht.
Das ist Bens Schuld und reicht lange zurück. Ben hat immer geglaubt, er könnte in beiden Welten leben. Mit einem Birkenstock in der amtlich kriminellen Halbwelt der Marihuana-Geschäfte stehen und mit dem anderen in der Welt von Recht und Ordnung. Jetzt weiß er, dass das nicht geht. Er steht mit beiden Füßen fest im Dschungel. Chon hat sich solchen Illusionen nie hingegeben. Chon hat immer gewusst, dass es zwei Welten gibt:
Eine bestialische
Eine weniger bestialische.“ (S. 154f.) 
Da Chon nicht im Traum daran denkt, klein beizugeben, und Ben weiß, dass er seinen Freund nicht von seinem Entschluss abbringen kann, schmieden sie einen Plan, um O freizukaufen – mit dem Geld des Baja-Kartells. Doch wie schnell sich die ersten geglückten Coups in ein Spiel mit dem Feuer verwandeln, müssen Ben, Chon und O bald am eigenen Leib erfahren …
Nach seinem mit dem Deutschen Krimipreis 2011 ausgezeichneten Meisterwerk „Tage der Toten“ bleibt der in Kalifornien lebende Autor Don Winslow in seinem folgenden Werk „Zeit des Zorns“ dem Drogenmilieu treu. Diesmal steht aber kein US-Drogenfahnder im Zentrum der Geschichte, sondern ein eingespieltes Team junger Gras-Anbauer, die auf einmal mit der harten und blutigen Realität des ganz großen Drogenmarktes konfrontiert werden. Dazu hat sich Winslow zu einem fast Stakkato-artigen Schreibstil entschieden, der in meist sehr kurzen Kapiteln die stechend scharfen Dialoge und rasanten Handlungen präsentiert. Dabei wachsen dem Leser die drei in die Klemme geratenen jungen Leute schnell ans Herz.  
Oliver Stone fand das harte Drogen-Thriller-Drama so faszinierend, dass er den Stoff unter dem Titel „Savages“ verfilmte. Doch seine zugegebenermaßen gelungene Adaption kann leider nicht die Leidenschaft und Aufopferungsbereitschaft transportieren, die Winslows „Zeit des Zorns“ zu einem so imponierenden wie kurzweiligen Spannungsroman macht.
Leseprobe Don Winslow - "Zeit des Zorns"

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