Mittwoch, 31. Dezember 2014

Jim Thompson – „Blind vor Wut“

(Heyne, 369 S., Tb.)
Nach seinem Verweis von der Militärschule ist der achtzehnjährige Allen Smith mit seiner Mutter gerade in eine schicke Wohngegend am East River gezogen. Wenn er mit ihr zu Fuß zur Schule am Fluss entlanggeht, kann er hinter Hell Gate die Skyline Manhattans sehen. Doch statt sich der Annehmlichkeiten seines Lebens zu erfreuen, macht ihm der Umstand, dass er der Mischlingssohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter ist, rasend vor Wut.
Mit ihrer koketten Art wickelt seine als Edelprostituierte arbeitende Mutter zunächst den Direktor von Allens Schule um den Finger, doch auch von ihrem Sohn holt sie sich immer wieder die Art von Zuneigung, die sie braucht, während sie Allen diese Lust versagt. Allen reagiert seinen Frust an seinen Mitmenschen ab, an den einfältigen Geschwistern Steve und Liz Hadley ebenso wie an Schuldirektor Velie und dem schwarzen Mitschüler Doozy, der eine Art Black-Power-Club gründen will. Einzig die Polizistentochter Josie Blair, die im Vorzimmer des Schuldirektors aushilft, scheint es gut mit Allen zu meinen. Doch das hält den Jungen nicht davon ab, alle um sich herum in den Abgrund zu schicken, in dem er sich seiner eigenen Meinung nach schon längst befindet …
„Ich hatte mir endlose Entschuldigungen für Mutter zurechtgelegt, hatte ihr zigtausend Mal verziehen; hatte mir die Schuld gegeben, mir selbst nie verziehen. Und gleichzeitig hatte ich sie gehasst, ihr nichts verziehen und mir dagegen alles. Ich hatte versucht, wann und wo auch immer alles recht zu machen. Doch in meinem Verstand sind Recht und Unrecht so miteinander verwoben, dass man sie nicht auseinanderhalten kann, also hatte ich mir meine eigenen Vorstellungen davon zurechtlegen müssen.“ (S. 265) 
Bevor der 1906 geborene Jim Thompson von der Schriftstellerei leben konnte, hat er sich mehr schlecht als recht als Glücksspieler, Alkoholschmuggler, Ölarbeiter und Sprengstoffexperte durchgeschlagen, war selbst dem Alkohol sehr zugetan und immer wieder von Depressionen geplagt. Später verfasste er Drehbücher für Regisseure wie Stanley Kubrick („Wege zum Ruhm“, „Die Rechnung ging nicht auf“) und lieferte die Romanvorlagen für die Filme „Getaway“ (1972 und 1994), „Der Mörder in mir“ (1976 und 2009), „After Dark, My Sweet“ (1990) und „Grifters“ (1990). Doch berühmt wurde er vor allem durch seine Noir-Romane, mit denen Thompson die dunkle Seite des amerikanischen Lebens beschrieb.
In dieser Hinsicht bildet sein 1972 veröffentlichtes Spätwerk „Blind vor Wut“ zwar keine Ausnahme, bemerkenswert ist allerdings die Hinterhältigkeit, mit der sein Protagonist Allen Smith agiert und seine Mitmenschen böswillig genau dorthin manövriert, wo er sie hinhaben will. Dabei berührt Thompson jedes Tabu, das ihm in den Sinn kam. Inzest, Rassismus, Schwulenfeindlichkeit und sexuelle Perversionen vermischt Thompson zu einem politisch ebenso fragwürdigen wie diskussionswürdigen Psycho-Thriller, der die Ausnahmestellung des Autors eindrucksvoll unterstreicht, aber sicherlich nicht jedermanns Sache ist.
Als Bonus ist dem Roman noch die gut 90-seitige Novelle „Ein Pferd in der Badewanne“ beigefügt, die sich wie eine Fingerübung zu „Blind vor Wut“ liest.
Leseprobe Jim Thompson - "Blind vor Wut"

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