Freitag, 30. Oktober 2015

Dennis Lehane – „Am Ende einer Welt“

(Diogenes, 394 S., HC)
Mit seinen zwei Destillerien, einer Phosphatmine und Anteilen an verschiedenen Firmen in seiner Heimatstadt Boston zählt Joe Coughlin Anfang der 1940er Jahre in seiner Wahlheimat Ybor City nicht nur als einer größten Arbeitgeber und Investoren, sondern auch gütiger Spender und Wohltäter. Seine von ihm veranstalteten Partys sind legendär und vereinen wie selbstverständlich die prominenten Größen der halblegalen und legalen Gesellschaft.
Seit seine Frau verstorben ist, agiert Joe nur noch im Hintergrund als consigliere der Familie Bartolo, stellt aber so den Mittelsmann für das gesamte Verbrechersyndikat Floridas dar und kontrolliert darüber hinaus mit Meyer Lansky Kuba und den Transportweg für Rauschgift von Südamerika bis nach Maine.
Doch sein Leben als anerkannter Geschäftsmann und Vater des kleinen Tomas gerät in starke Turbulenzen, als er durch die wegen Mordes an ihrem Mann inhaftierte Theresa Del Fresco die Botschaft übermittelt bekommt, dass ein Killer auf ihn angesetzt ist. Da sich Joe überhaupt nicht vorstellen kann, wer ein Interesse daran haben könnte, sein Licht auszublasen, beginnt eine zermürbende Suche nach dem Killer …
„Natürlich hatte man schon früher versucht, ihn umzubringen, aber damals hatte es gute Gründe gegeben – ein Mentor war zu dem Schluss gekommen, dass Joe größenwahnsinnig geworden sei; davor waren es Mitglieder des Klan gewesen, denen es nicht besonders gefiel, dass ein bleicher Yankee ihnen im eigenen Revier zeigte, wie man richtig Geld machte; und davor war es ein Gangster gewesen, in dessen Freundin er sich verliebt hatte. All das waren gute Gründe gewesen.
Warum ich?“ (S. 138) 
Nach „In der Nacht“ erzählt der amerikanische Bestseller-Autor Dennis Lehane mit „Am Ende einer Welt“ die Geschichte der Coughlin-Familie, die in „Im Aufruhr jener Tage“ ihren Anfang nahm, weiter. Während es im Auftakt der Coughlin-Reihe um den aus dem Polizeidienst ausgeschiedenen Thomas Coughlin ging, der sein Glück in Hollywood versuchte, thematisierte „In der Nacht“ den Aufstieg seine jüngeren Bruders Joe zur Unterweltgröße in Lehanes Heimatstadt Boston.
In dem neuen Werk ist es nicht mehr Coughlin, der die Fäden in der Unterwelt zieht, sondern Dion Bartolo, aber in dem existentiellen Drama steht Coughlin einmal mehr ganz im Mittelpunkt des Geschehens. Wie Lehane die Fallstricke der mächtigen italienischen Familien knüpft, bietet einmal mehr ganz großes Kino, wie Lehanes Hollywood-Vorlagen „Gone, Baby, Gone“, „Mystic River“, „Shutter Island“ und die Drehbücher zu drei Folgen der gefeierten Serie „The Wire“ bereits dokumentiert haben.
Der preisgekrönte Bestseller-Autor trifft auch in „Am Ende einer Welt“ immer den richtigen Ton, beschreibt die unheilschwangere Atmosphäre der bleigetränkten Unterwelt von Ybor City so eindrücklich, als wäre man mittendrin. Das liegt nicht nur an der packenden Handlung, die ohne überflüssige Nebenplots auskommt, sondern auch an der feinen Charakterisierung der Figuren und der engen Familienbindungen, die im Ehrenkodex der Italiener tief verwurzelt sind.
Fortsetzung folgt – hoffentlich …
Leseprobe Dennis Lehane - "Am Ende einer Welt"

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen