Samstag, 10. Oktober 2015

Chris Carter – (Robert Hunter: 7) „Die stille Bestie“

(Ullstein, 445S., Tb.)
Sheriff Walton und sein Deputy Bobby Dale stillen wie jeden Mittwochmorgen in Noras Truck Stop Diner am Stadtrand von Wheatland im südöstlichen Wyoming ihren Hunger auf Süßes, als ein Pick-up auf das Diner zurast und dabei das Heck eines dunkelblauen Ford Taurus streift. Als sie das Unglück aus der Nähe betrachten, entdecken sie im aufgesprungenen Kofferraum des Fords die aus einer Kühlbox herausgekullerten Köpfe zweier Frauen.
Als Fahrzeugführer wird ein Liam Shaw ausgemacht, der wenig später vom FBI gefasst wird, aber nach seiner Festnahme kein einziges Wort von sich gibt. Schließlich verlangt er nach Robert Hunter, der nach seiner Dissertation mit dem Titel „Psychologische Deutungsansätze krimineller Verhaltungsmuster“ massiv vom FBI umworben wurde, aber schließlich als einfacher Detective beim LAPD seinen Dienst angetreten hat.
Als Adrian Kennedy, Leiter des Nationalen Zentrums für die Analyse von Gewaltverbrechen (NCAVC), Hunter zu sich nach Quantico bestellt, erfährt er bei der Gegenüberstellung mit dem Gefangenen, dass es sich dabei um seinen alten Studienfreund Lucien Folter handelt, mit dem er sich in Stanford an der psychologischen Fakultät ein Zimmer teilte. Zusammen mit Special Agent Courtney Taylor verhört Hunter seinen alten Freund und muss feststellen, dass sich dieser zu einem psychopathischen Killer entwickelt hat, der die Geheimnisse seiner Taten nur im Gegenzug von persönlichen Bekenntnissen seines Gegenübers zu lüften bereit ist. Zwischen den früheren Freunden entwickelt sich ein psychologisches Duell, das Hunter allzu bittere Wahrheiten über sein eigenes Leben offenbart. Doch wenn er Gerechtigkeit für all die Opfer von Lucien Folter will, muss er das Quid-pro-quo-Spiel nach den zermürbenden Regeln des Killers spielen …
„Hunter hatte seinen alten Freund schweigend beobachtet, seit er und Taylor bei der Zelle angekommen waren. An diesem Morgen wirkte Lucien noch siegessicherer und selbstherrlicher als tags zuvor, allerdings war das kaum verwunderlich. Er wusste eben genau, dass er am längeren Hebel saß. Er wusste, dass alle bis auf weiteres nach seiner Pfeife tanzen mussten, und das schien ihm eine enorme Genugtuung zu bereiten. Aber das war noch nicht alles. Da war etwas Neues zu Luciens Persönlichkeit hinzugekommen – eine brennende Leidenschaft, ja sogar Stolz, als sei es sein aufrichtigster Wunsch, dass alle Welt die Wahrheit über seine Taten erfuhr.“ (S. 149) 
Zählt man die ePub-Veröffentlichung „One Dead“ mit, stellt „Die stille Bestie“ den bereits siebten Fall des genialen Profilers Robert Hunter dar, dessen Dissertation, die er im Alter von 23 Jahren verfasst hat, zum Standardwerk an der FBI-Akademie zählt. Zugleich steht er in „Die stille Bestie“ vor seiner bislang größten Herausforderung, nämlich seinem ehemals besten Freund nicht nur das Handwerk zu legen und die Grabstätten seiner Opfer zu finden, sondern auch die schmerzlichen Offenbarungen zu verarbeiten, die während des Verhörs zutage treten und Hunters Leben auf den Kopf zu stellen drohen.
Von der Dramaturgie her erinnert „Die stille Bestie“ ein wenig an Thomas Harris‘ Meisterwerk „Das Schweigen der Lämmer“. Auch hier sitzt ein hochgradig intelligenter Killer, der keine Emotionen nach außen sichtbar werden lässt, bereits im Gefängnis und versucht durch sein Täterwissen etwas für sich auszuhandeln. Gegen Lucien Folter wirkt Hannibal Lecter allerdings wie ein Waisenknabe.
Chris Carter inszeniert mit „Die stille Bestie“ ein extrem dramatisches Psycho-Duell der Extraklasse, das seine Spannung nicht nur aus der ganz persönlichen Beziehung zwischen den Kontrahenten bezieht, sondern vor allem aus der unvorstellbaren Bösartigkeit, mit der Folter seine Taten geplant und durchgeführt hat.
Leseprobe Chris Carter - "Die stille Bestie"

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