Samstag, 28. Oktober 2017

Sascha Lemon – „Schattenbrandung“

(books2read, 282 S., eBook)
Die Hobby-Fotografin Lena Kastor plagt das schlechte Gewissen. Statt zuhause bei ihrer Familie zu sein, hat sie vorgegeben, für ihr Fotobuchprojekt zu den Dragonfalls-Klippen zu fahren. Tatsächlich hat sie sich mit ihrem Liebhaber Jake im Hotel „Noble Inn“ vergnügt. Nun erkundigt sich ihr Mann Jo am Telefon nach ihrer gemeinsamen Tochter Jenna. Tags zuvor hatte Lena ihr noch verboten, auf eine Party zu gehen, um zu vermeiden, dass sie sich auf den windigen Mädchenschwarm Todd Rhioghan einlässt. Allerdings ist das Teenager-Mädchen am Samstagmorgen nirgends aufzufinden, weder zuhause noch bei ihrer Freundin Amy.
Jennas Verschwinden spitzt die unterschwellige Krise in der Kastor-Familie weiter zu. Seit Lena ihren Job wegen der Kindererziehung aufgegeben hat und mit ihrer Familie von Hamburg nach Schottland gezogen ist, wo sich der Firmensitz von Jos Brötchengeber befindet, bricht die Familie zunehmend auseinander. Lenas volljähriger Bruder Eric wird wegen der Suche nach ihr gar nicht erst benachrichtigt. Er ist zum Studium nach Edinburgh gezogen, verliert wegen seiner Unzuverlässigkeit aber sowohl seinen Kellner-Job als auch das Praktikum bei der Zeitung. Seine finanzielle Misere scheint er nur beheben zu können, indem er für den Drogendealer Michael Fitzpatrick arbeitet, der auch Erics eigenen Pillenkonsum sicherstellt.
Während die Polizei noch nicht tätig wird, machen sich Jo und Lena selbst auf die Suche nach ihrer Tochter. Dabei will Jake unbedingt bei Lena bleiben, während sich Jo in Amys Mutter Caitlyn verguckt hat. Nach einem unglücklichen Todesfall macht sich Gewalt und Verzweiflung in der schottischen Provinz Groom breit, und vor allem Lena hegt den Verdacht, dass Jennas Verschwinden der prekären familiären Situation geschuldet ist …
„Jenna hatte einem völlig Fremden gegenüber ausgesprochen, was mir, Eric und sicher auch Jo längst hätte klar sein müssen: Wir waren als Familie gescheitert. Jenna muss verstanden haben, dass die Affäre zwischen Jake und mir eine Folge dieses Scheiterns war. Vielleicht hatte sie geglaubt, dass ich der Realität mit einem anderen Mann entfloh, um dem Schmerz zu entgehen, der zu Hause auf mich wartete.“ (Pos. 3065) 
Vor einem halben Jahr erst hat Sascha Lemon mit dem Hamburg-Krimi „Blutiger Nebel“ sein Debüt als Schriftsteller gefeiert. Mit „Schattenbrandung“ legt er nun schon sein Zweitwerk nach und verlegt den Schauplatz seines Thrillers von Hamburg an die schottische Nordseeküste. Die Handlung, die sich über nicht mal dreihundert Seiten entfaltet, bildet nur ein Wochenende in der Kastor-Familie ab und beschreibt scharfsichtig die Abgründe eines Dramas, das durch das Verschwinden der Teenager-Tochter Jenna ausgelöst wird.
Dabei wird deutlich, wie sehr sich vor allem die Ich-Erzählerin Lena und ihr als Security-Chef auf einer Bohrinsel arbeitende Mann Jo seit dem Umzug von Hamburg nach Schottland einander entfremdet haben und ihre erotischen Bedürfnisse auf andere potentielle Partnern projizieren. Während Lena den Ehebruch aber schon praktisch vollzogen hat, beschränkt sich das Fremdgehen ihres Mannes Jo noch auf eine Schwärmerei, die allerdings auch ihre Probleme bereithält.
Etwas abseits kämpft Eric in Edinburgh mit ganz eigenen, ebenso handfesten Schwierigkeiten, stößt aber ebenso wie Lenas Mutter später zu den tragischen Geschehnissen rund um sein altes Zuhause. Da das Figuren-Ensemble sehr übersichtlich bleibt, kann sich der Autor ausgiebig mit den Befindlichkeiten der einzelnen Kastor-Familienmitglieder widmen, wobei er ein großes psychologisches Einfühlungsvermögen demonstriert. Geschickt führt er die einzelnen Fäden der Handlung am Ende zusammen, bereichert den an sich wenig spektakulären Plot um den Hauch eines weiteren geheimnisvollen Todesfalls und sorgt nicht zuletzt mit lebendigen Dialogen und authentisch wirkenden Settings, die durch das stimmungsvolle Buchcover wunderbar abgebildet werden, für durchgehend spannende, für einen Thriller überzeugend tiefgründige Unterhaltung.

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