Freitag, 8. Dezember 2017

Tess Gerritsen – (Rizzoli & Isles: 12) „Blutzeuge“

(Limes, 412 S., HC)
Als die Leiche der jungen Filmemacherin Cassandra Coyle auf dem Bett ihrer exklusiven Wohnung aufgefunden wird, ruft das nicht nur Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department, sondern auch ihre Freundin, die Gerichtsmedizinerin Maura Isles, auf den Plan. Der Mörder hat seinem Opfer nämlich die Augäpfel entfernt und in dessen Handflächen gelegt. Bei der Autopsie entdeckt Isles nicht nur eine signifikante Menge der Date-Rape-Droge Ketamin im Körper der Toten, sondern am Hals auch Rückstände von Klebemittel.
Wenig später wird an Heiligabend auch der fünfundzwanzigjährige Buchhalter Timothy McDougal am Jeffries Point unter ähnlichen Umständen tot aufgefunden, mit drei Pfeilen in der nackten Brust. Auch bei ihm wird Ketamin im Blut gefunden. Als sich Isles mit ihrem ehemaligen Geliebten, den Polizeigeistlichen Daniel Brophy, über ihren Verdacht austauscht, wird ihr klar, dass die Bostoner Polizei es mit einem Serienkiller zu tun hat, der mit seinen Taten die Leiden der christlichen Märtyrer nachstellt.
Auf den Überwachungsvideos bei den Trauergottesdiensten fällt den Beamten eine Frau auf, die sie als Holly Devine identifizieren und die eine gemeinsame, traumatische Geschichte mit den Opfern teilt. Sie war nämlich ebenso wie die Mordopfer vor zwanzig Jahren in der Kindertagesstätte Apple Tree von Irina und Konrad Stanek sowie ihrem Sohn Martin missbraucht worden, was erst ans Licht kam, als die neunjährige Lizzie DiPalma vermisst worden war. Während das Stanek-Ehepaar mittlerweile in der Haft verstorben war, wurde Martin Stanek vor drei Monaten entlassen. Doch die Journalistin Bonnie Sandridge glaubt nicht daran, dass Stanek der Täter gewesen war.
„,Lizzie DiPalmas Verschwinden versetzte die Menschen in der Gemeinde in Angst und Schrecken, und sie waren bereit, alles zu glauben – sogar, dass Tiger durch die Luft fliegen könnten. Darum geht in meinem Buch, Detective. Darum, wie aus eigentlich vernünftigen Menschen ein rasender und gefährlicher Mob werden kann.‘“ (S. 282) 
Rizzoli und ihr Partner Berry Frost haben alle Hände voll zu tun, die alten Prozessakten durchzusehen, Gespräche mit dem nun auf freiem Fuß befindlichen Hauptverdächtigen Martin Stanek und der undurchdringlichen Holly Devine zu führen, aber auch auf privater Seite haben Rizzoli und Isles einige Probleme zu meistern. So wird Maura Isles nicht nur mit dem nahenden Krebstod ihrer wegen mehrfachen Mordes inhaftierten Mutter Amalthea Lank konfrontiert, sondern muss sich auch ihren Gefühlen für Daniel stellen, der sein Versprechen Gott gegenüber nicht für Maura brechen will. Und Jane Isles bekommt zum Weihnachtsessen vorgeführt, wie sehr ihre Mutter unter der Ehe mit ihrem Mann zu leiden hat, nachdem sie ihre Affäre mit Vince Korsak beendet hatte.
Für einen moderaten Umfang von 400 Seiten bietet der zwölfte Band aus der erfolgreichen Thrillerreihe um Rizzoli & Isles nicht nur etliche Tote mit außergewöhnlichen Verletzungen, sondern auch eine interessante Spurensuche in der Vergangenheit. Wie die Missbrauchsanschuldigungen im Fall von Apple Tree mit den Morden in der Tradition christlicher Märtyrer zusammenhängen, zählt zu den spannungstreibenden Elementen in „Blutzeuge“.
Dass Maura Isles immer wieder mit ihrer grausamen Mutter konfrontiert wird, hat sie mit Karin Slaughters Protagonisten Will Trent gemein, der ständig von seiner psychopathischen Exfrau Angie terrorisiert wird. Das mag für einige Stories innerhalb einer Reihe ganz interessant sein, auf die Dauer nerven diese Verknüpfungen allerdings und tragen nicht zur Glaubwürdigkeit des Plots bei. Viel interessanter wären hier die Beziehungen zwischen Maura Isles und ihrem geliebten Geistlichen einerseits und die problematischen Verhältnisse in der Rizzoli-Familie. Janes Mann Gabriel wird auf den immer verständnisvollen Gefährten reduziert, während die Episode zwischen Isles und ihrem Love Interest wie eine Anekdote behandelt wird.
Doch Gerritsen scheint nicht mehr als an einer oberflächlichen Entwicklung ihrer Figuren interessiert zu sein, was sie u.a. ihrem Kollegen James Patterson gemein hat. Stattdessen liefert sie leicht lesbare, durchaus spannende Thriller-Kost mit einem überschaubaren, aber kaum markant gezeichneten Ensemble, wobei sich die Originalität des Plots meist auf möglichst mysteriöse, abartige Modi Operandi beschränkt.
 Leseprobe Tess Gerritsen - "Blutzeuge"

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