Samstag, 19. Mai 2018

Stephen King – „Christine“

(Bastei Lübbe/Heyne/Weltbild, 703 S., HC)
Arnie Cunningham und Dennis Guilder wuchsen im gleichen Wohnblock in Libertyville auf und sind seit der Grundschule miteinander befreundet. Während Dennis als Kapitän der Football- und Baseballmannschaft und Ass der Schulschwimmstaffel auch auf der Highschool immer eine gute Figur machte, musste er seinen pickelgesichtigen, zu kurz geratenen und schmächtigen Freund davor bewahren, als geborener Verlierer ständig verprügelt zu werden. Nur als Mechaniker hatte Arnie wirklich Talent, doch konnten seine Eltern, die beide an der Universität in Horlicks lehrten, sich nicht vorstellen, ihren einzigen Sohn in einer Autowerkstatt arbeiten zu lassen. Die Freundschaft zwischen Arnie und Dennis wird im Jahr 1978 allerdings einer harten Bewährungsprobe unterzogen, als sich der 17-jährige Arnie in einen 1958er Plymouth Fury verliebt, der zwar in einem erbärmlichen Zustand ist, den er aber mit Begeisterung für 250 Dollar dem pensionierten Berufssoldaten Roland D. LeBay abkauft, den Namen „Christine“ vom Vorbesitzer übernimmt und ihn in dem Garagen- und Werkstattbetrieb von Will Darnell zu restaurieren beginnt.
Dennis bekommt seinen Freund kaum noch zu sehen. Die Fortschritte, die Christines Restaurierung macht, sind allerdings bemerkenswert, und mit ihr macht auch Arnie eine erstaunliche Veränderung durch. Aus dem ehemaligen Verlierer wird ein überraschend gutaussehender junger Mann mit glattem Teint und kräftiger Statur, der sogar den Highschoolschwarm Leigh Cabot als Freundin gewinnt. Arnie zieht nicht nur den Neid und Zorn der Gang von Buddy Repperton auf sich, die eines Nachts Christine auf dem Parkplatz am Flughafen schrottreif demolieren, sondern auch die Sorgen seiner Eltern, Leigh und Dennis.
Als nach und nach Buddy Repperton und seine Jungs brutal auf der Straße ermordet werden, geraten Arnie und seine Christine zwar in den Fokus der Ermittlungen von Detective Rudolph Junkins, doch Arnie kann für jede Tat ein stichfestes Alibi aufweisen, und an Christine in nicht der kleinste verdächtige Kratzer zu entdecken. Die unheimlichen Vorfälle, an denen der Plymouth Fury beteiligt zu sein schien, häufen sich allerdings, und nachdem Leigh beinahe an einem Stückchen Hamburger in dem Wagen erstickt wäre, machen sich Dennis und Leigh daran, das Geheimnis von Christine aufzudecken. Doch dafür begeben sich die beiden in höchste Gefahr.
„Es gibt keine Möglichkeit zu unterscheiden, was wirklich war und was meine Fantasie hinzugedichtet haben könnte; es gibt keine Trennungslinie zwischen objektiver Wahrheit und subjektiver Sicht, zwischen Realität und grausiger Halluzination. Aber es war nicht Trunkenheit; das kann ich Ihnen versichern. Sollte ich etwas angesäuselt sein, so verflüchtigte sich dieser Zustand sofort. Was folgte, war ein stocknüchterner Trip durch das Land der Verdammten.“ (S. 580) 
Als Stephen King „Christine“ 1983 veröffentlichte, war er schon längst ein gefeierter Bestseller-Autor, dessen Bücher „Carrie“, „Shining“, „Brennen muss Salem“, „Dead Zone“ und eine Sammlung von Kurzgeschichten unter dem Titel „Die unheimlich verrückte Geisterstunde“ bereits von renommierten Regisseuren wie Stanley Kubrick, Brian De Palma, David Cronenberg und George A. Romero verfilmt worden waren. So nahm sich John Carpenter noch vor Veröffentlichung von „Christine“ der Geschichte an, stellte seine Verfilmung ebenfalls 1983 fertig und verhalf so dem Roman zu zusätzlicher Popularität. Das 700-Seiten-Werk hat es auch wieder in sich.
Wie schon in früheren Werken lässt King auch hier das übernatürliche Grauen in Form ganz gewöhnlicher Menschen und Dinge in einer an sich unauffälligen Kleinstadt auftreten. Dabei lässt er den größten Teil des Romans aus der Perspektive von Arnies bestem Freund Dennis erzählen, der seine Erinnerungen aus einer zeitlichen Distanz von fünf Jahren dokumentiert. King nimmt sich viel Zeit, die Atmosphäre der ausgehenden 1970er Jahre und das feste Band der Freundschaft zwischen Arnie und Dennis zu schildern, vor allem aber die Veränderungen, die sowohl Christine als auch ihr Fahrzeughalter Arnie durchmachen. Zwar weist der Roman durchaus Längen auf, aber wie der „King of Horror“ ganz langsam die Spannungsschraube anzieht und den Fokus auf die Verbindung zwischen LeBay, Arnie, Dennis und Leigh legt, ist einmal mehr einfach nur meisterhaft. 
Leseprobe Stephen King - "Christine"

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