Dienstag, 29. Mai 2018

Jonathan Franzen – „Unschuld“

(Rowohlt, 830 S., HC)
Die junge Purity „Pip“ Tyler fühlt sich von ihren Studienschulden erdrückt, lebt in einem besetzten Haus in Oakland und hasst ihren Job bei Renewable Solutions, wo sie seit fast zwei als Telefonverkäuferin regelmäßig die wenigsten Kontaktpunkte erzielt und ebenso regelmäßig von dort aus mit ihrer Mutter Anabel telefoniert, die ihr partout nicht verraten will, wer Pips Vater ist.
Als ihre deutsche Mitbewohnerin Annagret ihr ein Praktikum bei der renommierten Enthüllungsplattform Sunlight Project des charismatischen Dissidenten Andreas Wolf vermittelt, reist sie tatsächlich nach Bolivien, weil sie hofft, durch die technischen Möglichkeiten des Projekts die Identität ihres Vaters herauszufinden.
Zwar grenzt sich Andreas Wolf mit dem Sunlight Project von Wikileaks ab, weil er bei seinen Enthüllungen einen moralischen Maßstab verwende, doch seine eigene Vita ist auch nicht frei von Verfehlungen: Der 1960 in der DDR geborene Sohn eines Politbüromitglieds hat nämlich mitgeholfen, den Stiefvater der damals 15-jährigen Annagret zu ermorden, und wird die Erinnerung an diese Tat nie los. Er schickt Pip schließlich zu seinem alten Freund Tom Aberant, dem Gründer und Chefredakteur des Denver Independent, wo sie ein Recherchepraktikum absolviert und eine Zeitlang auch in dem Haus ihres Chefs lebt.
Aberant war einer der ersten Journalisten, der den prominenten DDR-Dissidenten und Systemkritiker Andreas Wolf in Berlin interviewen durfte und sein Vertrauen soweit gewann, dass dieser ihm von seiner unrühmlichen Tat erzählte. Nachdem sich ihre Wege damals getrennt hatten, findet Andreas nun heraus, dass Puritys Mutter eine millionenschwere Erbin des Unternehmers McCaskill ist, aber nichts von dem Geld wissen will und auch ihrer Tochter nichts davon erzählt.
„Das Geld interessierte Andreas nur in dem Maße, als es ihm das Leben erleichtert hätte, etwas davon in die Hände zu bekommen. Aber es war nicht der Grund, warum er weiter durch die Fotos klickte, die er von Purity Tyler fand. Auch ihr Aussehen, obwohl ansprechend genug, erklärte nicht, warum er ein so mörderisches Verlangen nach ihr verspürte.“ (S. 737) 
Jonathan Franzen hat nach seinem Weltbestseller „Die Korrekturen“, der 2001 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, auch mit den nachfolgenden Schwergewichten „Die 27ste Stadt“, „Schweres Beben“ und „Freiheit“ vor allem vielschichtige Familienromane abgeliefert. Mit seinem neuen, wiederum mehr als 800 Seiten umfassenden Roman „Unschuld“ zelebriert der gefeierte amerikanische Romancier dagegen die Zersetzung von familiären Strukturen.
In gewohnt meisterhafter Manier portraitiert Franzen akribisch die schillernden Biografien seiner Figuren, führt über mehr als fünf Jahrzehnte die Fäden zwischen den Personen zusammen, springt zwischen den Zeiten ebenso hin und her wie zwischen Berlin, Bolivien, Texas, Kalifornien und New York, wobei viel von Reinheit – im amerikanischen Original heißt der Roman auch entsprechend wie seine sympathische Heldin „Purity“ – geschrieben wird, aber irgendwie jeder seine moralischen Unzulänglichkeiten mit sich herumschleppt.
Sex und Affären spielen dabei die offensichtlich wesentlichste Rolle, aber auch Spionage-Tätigkeiten, Verrat und Manipulation zählen zu den großen Themen, mit denen sich Franzens Figuren auseinandersetzen müssen. Der Autor nimmt sich viel Zeit für all die komplexen Charaktere, die früher oder später aufeinandertreffen, und beschreibt eindringlich, was das Leben in der DDR oder in den Zeiten der digitalen Revolution mit ihnen gemacht hat, wie die Beziehungen zu ihren Eltern und Geliebten sie geprägt und letztlich die gelegentlich verwerflichen Taten mitverantwortet haben. Trotz einiger Längen ist dieses Psychogramm des modernen gehetzten Menschen so spannend wie ein Thriller zu lesen, die Dialoge einfach filmreif gelungen. Zwar wirkt die harte Abrechnung mit dem DDR-Regime etwas überzogen und die Konstellation der Figuren zueinander etwas sehr konstruiert, aber Franzen erweist sich als brillanter Schöpfer glaubwürdig komplexer Charaktere, die jeweils ihren eigenen, schwierigen Weg finden, ihr Leben zu meistern.
 Leseprobe Jonathan Franzen - "Unschuld"

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