Jo Nesbø – „Minnesota“

Donnerstag, 1. Januar 2026

(Ullstein, 408 S. HC)
Seit Ende der 1990er Jahre hat der norwegische Musiker und Schriftsteller Jo Nesbø bereits dreizehn Romane um den alkoholkranken, alleinstehenden Hauptkommissar Harry Hole veröffentlicht, sich aber immer wieder die Zeit genommen, für sich allein stehende Geschichten zu erzählen. Besonders gut gelungen ist ihm das mit seinem neuen Roman „Minnesota“.
Der Norweger Holger Rudi reist im September 2022 nach Minneapolis, um für sein True-Crime-Buch mit dem Arbeitstitel „Der Rächer von Minneapolis“ zu recherchieren. Dabei geht es um eine Reihe von Morden aus dem Jahr 2016, die mit dem Attentat auf den Waffenhändler Marco Dante begannen, der ironischerweise mit einem von ihm gekauften Gewehr der Marke M24 angeschossen wurde. Bob Oz vom MPD, der von seinen Kollegen „One-Night-Bob“ genannt wird, weil er nach auch nach noch nur so kleinen Erfolgen nahezu immer mit einer Frau an seiner Seite aus der Bar ging, wo er mit seinen Kollegen abhing, wird von seinem Commander Walker mit den Ermittlungen betraut, als er in einer Bar in Dinkytown gerade mit der Bardame Liza anzubändeln versucht. Doch der Täter hat es auf weitere kriminelle Subjekte abgesehen. Eine Spur führt zu Town Taxidermy, wo der mutmaßliche Verdächtige Tomas Gomez bei dem Inhaber Mike Lunde die Konservierung eines Tieres in Auftrag gegeben hatte. Je weiter die Ermittlungen voranschreiten und Gomez seinen Verfolgern stets nur einen Schritt voraus zu sein scheint, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, dass Bürgermeister Kevin Patterson, der in Kürze eine Rede eine Rede vor 60.000 Menschen zur Versammlung der NRA (National Rifle Association) halten soll, das nächste Opfer des Killers sein könnte…

„Die Zeit war vorbei. Jetzt sollten sich die anderen fürchten. Mein schneller Puls verriet mir nur, dass ich lebte, dass ich etwas fühlte… zum ersten Mal seit Langem. Was ich tat, war gefährlich, angenehm gefährlich. Gleichzeitig beunruhigte mich etwas, dass ich das Ganze etwas spannender machte, als es sein musste. Als wollte irgendetwas in mir ihnen eine Chance geben, mich aufzuhalten. Aber wollte ich das? Natürlich nicht.“ (S. 216)

Auch wenn Jo Nesbø seinen neuen Roman in den USA ansiedelt, hat er selbst doch nichts mit seinen US-amerikanischen Kollegen im Thriller-Genre gemein. Das wird bereits in den ersten Kapiteln deutlich, die sich nicht nur durch die Zeitsprünge aus dem Jahr 2022 ins Jahr 2016, sondern durch die Perspektive des Ich-Erzählers auszeichnen, der jetzt ein Schriftsteller ist, damals aber der Killer auf einer Rachemission. Dazwischen wird in der dritten Person von den Ermittlungen der Beamten des Minneapolis Police Department geschrieben, vor allem von Bob Oz, der den Unfalltod seiner Tochter vor drei Jahren und die Trennung von seiner Frau Alice, die nun ein Kind von einem neuen Mann erwartet, noch nicht richtig verarbeitet hat. Er kann sich gut in den Täter hineinversetzen, der offenbar ein ähnliches Trauma erlitten hat und nun systematisch gegen die vorgeht, die diese Tragödie seiner Meinung nach mitverantwortet haben.
Nesbø nimmt sich genügend Zeit, um die Wunden in den Seelen seiner Figuren zu erkunden, lässt so tatsächlich Mitgefühl für die Motivation des Täters entstehen, dessen Handeln stets abwechselnd mit den Ermittlungen von Bob Oz und seinen Kolleg:innen Kay Meyers und Olav Hanson geschildert wird. Das sorgt für Tempo und Abwechslung, macht die Katz-und-Maus-Jagd ebenso spannend wie unberechenbar, denn Nesbø führt vor allem seine Leserschaft am Ende gekonnt in die Irre.
„Minnesota“ ist ein ungewöhnlicher Thriller, der das Zeug zum Auftakt einer neuen Serie hätte, wobei vor allem die vom Leben gezeichneten Figuren interessant sind.