Irvine Welsh – „Crime“

Freitag, 6. Februar 2026

(Kiepenheuer & Witsch, 480 S., Tb.)
Seit seinem erfolgreich von Danny Boyle verfilmten, für dem Booker Prize nominierten Debütroman „Trainspotting“ setzt sich der aus Edinburgh stammende Irvine Welsh mit allen nur vorstellbaren menschlichen Abgründen auseinander und verpackt seine – vornehmlich in seiner Heimatstadt angesiedelten - Drogen-, Alkohol- und Sexexzesse in rauschende, temporeiche und humorvolle Geschichten, die immer wieder den Weg auf die Leinwand oder ins Fernsehen finden, so wie sein 2008 veröffentlichter, hierzulande aber erst 2011 erschienener Roman „Crime“, der es auf zwei Staffeln mit Dougray Scott („Mission Impossible II“, „My Week With Marilyn“) in der Hauptrolle geschafft hat.
Das Schicksal der siebenjährigen Britney Hamil, die von ihrem Mörder zuvor entführt und vergewaltigt worden war, hat dem in Edinburgh tätigen Polizeiinspektor Ray Lennox arg zugesetzt. Sein Vorgesetzter mochte sich Lennox‘ Verhalten nicht länger ansehen und verordnete ihm eine Zwangspause, die Ray nicht nur dazu nutzt, um mental wieder klarzukommen, sondern mit der Reise nach Miami Beach auch die Hochzeit mit seiner Verlobten Trudi zu planen. Dabei ist Ray fast schon überzeugt davon, dass die Heirat ein Fehler ist. Während Trudi mit ihrer Zeitschrift „Perfect Bride“ nichts anderes mehr im Sinn hat als die Hochzeit, ist Ray schon kurz nach dem Einchecken im kleinen Boutique Hotel schnell genervt. Das Treffen mit seinem alten Freund Eddie „Ginger“ Rogers und seiner neuen Frau Dolores verläuft auch nicht besonders erbaulich, also zieht Ray allein um die Häuser und lernt in einer Bar die beiden Freundinnen Robyn und Starry kennen. Ray nimmt das Angebot nur zu gern an, mit den beiden Frauen ein paar Linien Koks zu ziehen und schließlich mit in die Wohnung von Robyn zu gehen, in der er auch Robyns zehnjährige Tochter Tianna kennenlernt. Als ein Cop Lance Dearing und dessen Kumpel Johnnie ebenfalls der Party beiwohnen, muss Ray schließlich Johnnie von Tianna runterziehen. Die verzweifelte Mutter fleht Ray an, ihr Mädchen zu einem Freund namens Chet an den Golf von Mexiko in Sicherheit zu bringen, doch dort spitzen sich die Ereignisse zu…

„Seine Sicht auf die Welt, die reduzierte und misanthropische des schottischen Polizeibeamten, scheint ihm keinen adäquaten Rettungsring abzugeben. Die alten Gewissheiten, mit denen er sich getragen hat: von den moralisch bankrotten, bösartigen Reichen, den ignoranten, schwachen Armen und dem ängstlichen, engstirnigen, verklemmten Bürgertum – selbst alle zusammengenommen wirken sie in ihrem Kretinismus nicht eindrucksvoll genug, um die Welt so vor die Wand gefahren zu haben, wie es zurzeit aussieht.“ (S. 320)

Irvine Welsh weist in seiner Danksagung am Ende seines Buches korrekterweise darauf hin, dass der thematisierte sexuelle Missbrauch an Kindern weniger eine Sache organisierter Banden ist, wie im Buch beschrieben, sondern vornehmlich im Kreis von Freunden und Familie vonstattengeht. Für einen Thriller, wie ihn der schottische Bestsellerautor geschaffen hat, bietet die organisierte Kriminalität allerdings einen packenderen Plot. So stellt er den Protagonisten Ray Lennox selbst als seelisch verwundeten Cop dar, der vor allem wegen eigener Erfahrungen im Jugendalter zur Polizei gegangen ist, um fortan Jagd auf die perversen Kinderschänder zu machen, die ihm selbst und vor allem seinem Freund Les einst so zugesetzt haben. Aber es sind vor allem die jüngsten Erinnerungen an die verpatzten Ermittlungen im Fall der vergewaltigten und getöteten Britney, die Ray nicht loslassen und die im Sunshine State Florida ungeahnt neue Nahrung erhalten. Welsh entführt seine Leserschaft an der Seite von Ray auf eine ernüchternde, schockierende Tour de Force, auf einen Roadtrip mit der zehnjährigen Tianna, die schon zu viel Schlimmes erlebt hat, um noch beurteilen zu können, welche Männer ihre Freunde sind und welche ihr im Namen vorgeheuchelter „Liebe“ Gewalt antun. Welsh spart dabei nicht an eindringlichen Beschreibungen sexuellen Missbrauchs, ohne dabei zu sensationslüstern oder explizit zu werden. Allerdings driftet „Crime“ zum Ende hin zu sehr in klassische US-Thriller-Muster ab und unterläuft damit einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit, woran auch das überzogene Happy End seinen Anteil trägt.

Raymond Chandler – (Philip Marlowe: 2) „Lebwohl, mein Liebling“

Donnerstag, 29. Januar 2026

(Diogenes, 368 S., HC)
Neben Dashiell Hammett zählte Raymond Chandler (1888-1959) zu den großen Wegbereitern und Stimmen des Harboiled-Detektiv-Krimis, was umso bemerkenswerter ist, als er nur sieben Romane um seinen Protagonisten Philip Marlowe veröffentlichte, die allerdings mehrmals verfilmt worden sind und heute – wie „Murder, My Sweet“, „Tote schlafen fest“ und „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ – früh zu Klassikern des Film Noir bzw. Neo Noir avancierten. Mit der Neuübersetzung von Chandlers zweiten, 1940 veröffentlichten Roman „Farewell, My Lovely“, setzt Diogenes seine Reihe von Wiederveröffentlichungen dieses einflussreichen Autors fort.
Der Privatdetektiv Philip Marlowe ist gerade in einem noch nicht gänzlich von Schwarzen bewohnten Block an der Central Avenue in Los Angeles unterwegs, um einen gewissen Dimitrios Aleidis ausfindig zu machen, der von seiner Frau gesucht wird, als er einen Speise- und Spielsalon namens „Florian’s“ aufsucht, wo er die Bekanntschaft mit dem gut zwei Meter großen Schwarzen Moose Malloy kennenlernt, der nach acht Jahren im Gefängnis seine Freundin Velma Valento sucht, die hier als Nachtclubsängerin gearbeitet hat. Marlowe findet den Mann sympathisch und überreicht ihm seine Karte, doch dann knallt der Ex-Knacki den neuen Besitzer des Ladens über den Haufen und kratzt die Kurve. Doch damit ist Marlowes ereignisreicher Tag noch längst nicht zu Ende. Nachdem er Kriminalkommissar Nulty Bericht erstattet hat, erhält Marlowe wenig später einen Anruf von Mr. Marriott aus Montemar Vista, der den Detektiv als Bodyguard engagieren möchte, wenn er das Jadecollier einer Freundin bei Juwelendieben am vereinbarten Treffpunkt für achttausend Dollar zurückzukaufen beabsichtigt. Marlowe nimmt den Job an, schließlich sind da hundert Dollar für ihn drin, doch auch dieser Auftrag nimmt ein böses Ende. Marlowe wird bei dem Treffen am Purissima Canyon in der Nähe von Bay City nämlich niedergeschlagen, Marriott erschossen. Als er wieder zur Besinnung kommt, ist eine rothaarige Frau bei ihm, die sich als Anne Riordan vorstellt und sich Marlowe zunächst als Hobby-Detektivin zur Seite stellt. Diesmal bekommt es Marlowe mit Polizeileutnant Randall zu tun. Bei seinen Ermittlungen stellt Marlowe schließlich fest, dass der tote Marriott die Witwe des ehemaligen Nachtclubbesitzers Mr. Florian mit Bargeld versorgt, was einen Zusammenhang mit der wie die Kette verschwundenen Velma nahelegt. Zudem führt ihn eine Visitenkarte in Marriotts Marihuana-Zigaretten zu Jules Amthor, einen hellseherischen Berater…

„Es wurde dunkler. Ich dachte nach; das Denken tastete sich in meinem Kopf vorsichtig vorwärts, wie unter einem verbitterten, sadistischen Blick. Ich dachte an tote Augen, die in einen mondlosen Himmel starrten, an den Mundwinkeln darunter schwarzes Blut. Ich dachte an garstige alte Frauen, denen man den Kopf am Pfosten ihrer schmutzigen Betten eingeschlagen hatte. Ich dachte an einen Mann mit hellblonden Haaren, der verängstigt war, ohne genau zu wissen, wovor er sich fürchtete, der spürte, dass etwas nicht stimmte, aber zu eitel war oder zu dumm, um zu errate, was.“ (S. 289f.)

Dass Raymond Chandlers Romane so gut gealtert sind und schon zur Zeit ihrer Veröffentlichung in den 1940er und 1950er Jahren Stoff für packende Filme lieferten, liegt nicht allein an den komplexen Fällen, die der sympathische, fast schon liebenswerte, auf jeden Fall richtig coole Privatdetektiv Philip Marlowe zu lösen hat, sondern an der stimmigen Mischung aus lebendigen Milieubeschreibungen, ungewöhnlichen, oft auch skurril anmutenden Figuren und natürlich der großartigen Sprache, mit der der Autor sein Publikum direkt ins Geschehen zieht. Hier sind es vor allem die vortrefflichsten Vergleiche, mit der beispielsweise das unermüdliche Umherirren eines Käfers mit dem eines Menschen in Beziehung gesetzt wird. Der Plot hat es wirklich in sich und nimmt einige interessante Wendungen. Kein Wunder, dass Chandlers Klassiker bislang gleich dreimal verfilmt worden ist. An „Lebwohl, mein Liebling“ kommt kein Krimiliebhaber und Film-Noir-Fan vorbei
Leseprobe Raymond Chandler - "Lebwohl, mein Liebling"

Jeffery Deaver – (Lincoln Rhyme: 3) „Der Insektensammler“

Montag, 19. Januar 2026

(Blanvalet, 478 S., HC)
Seit sein 1997 erschienener Auftaktroman der Lincoln-Rhyme-Reihe, „The Bone Collector“, zwei Jahre später erfolgreich von Phillip Noyce mit Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen verfilmt worden ist (hierzulande erschienen Buch und Film unter dem Titel „Der Knochenjäger“) hat sich Jeffery Deaver in die Riege der Top-Thriller-Autoren katapultiert. Diesen Ruf untermauerte er auch mit dem dritten Band seiner Reihe um den ab dem Hals abwärts querschnittsgelähmten forensischen Kriminologen.
Weil sich Lincoln Rhyme nicht mit seinem Schicksal abfinden will, entschließt er sich zu einer nicht ganz risikofreien Operation im fünfhundert Meilen entfernten Klinikum der University of North Carolina in Avery. Dr. Weavers neurologisches Institut gilt nämlich bei der Erforschung und Behandlung von Rückenmarksverletzungen als wegweisend. Wenn er nach der Operation nur etwas mehr bewegen kann als den Kopf und den linken Ringfinger wäre er schon zufrieden. Amelia ist dagegen alles andere als begeistert, schließlich liebt sie Lincoln so, wie er ist, vor allem wegen seines messerscharfen Verstandes. Doch kurz nach der Ankunft und dem aufklärenden OP-Gespräch mit Dr. Weaver wird der berühmte Kriminologe von Sheriff Bell aus dem benachbarten Paquenoke County angesprochen, dessen Cousin ein Bekannter von Lincoln ist. Der Forensiker wird gebeten, bei der Suche nach der vermissten Archäologie-Studentin Mary Beth O´Connnell zu helfen, nachdem gestern bereits ein Oberschüler ermordet worden ist. Nun hat der mutmaßliche Täter noch ein Mädchen namens Lydia entführt. Verdächtigt wird der 16-jährige Garrett Hanlon, der mit seiner Vorliebe für Insekten nur der „Insektensammler“ genannt wird und als verschrobener Einzelgänger gilt.
Während Lincoln sich eine Einsatzzentrale einrichtet und sich von einem Studenten bei der Sichtung der gesammelten Spuren helfen lässt, ist Amelia in den Sümpfen unterwegs und folgt den Pfaden, die durch die sichergestellten Spuren gelegt worden sind. Tatsächlich kann Lydia befreit und Garrett verhaftet werden, doch als sich Kopfgeldjäger ebenfalls an Garretts Fersen geheftet haben, entschließt sich Amelia, kurzerhand die Seiten zu wechseln und mit Garrett aus dem Gefängnis zu fliehen – mit fatalen Folgen…

„Ach, Rhyme, ich kann verstehen, dass die Spuren, handfeste Fakten lieber sind. Dass wir uns nicht auf diese schwammigen Sachen verlassen dürfen – auf Worte, Mienenspiel und Tränen, auf den Blick, mit dem uns jemand anschaut, wenn wir ihm gegenübersitzen und uns seine Geschichten anhören… Aber das heißt noch lange nicht, dass die Geschichten niemals stimmen. Ich glaube, dass hinter Garrett Hanlon mehr steckt, als uns die Spuren verraten.“ (S. 336)

„Der Insektensammler“ ist schon deshalb interessant, weil es nicht nur um die Klärung eines schwierigen Vermisstenfalls geht, in dem der jugendliche Verdächtige und Flüchtige seinen Häschern stets einen Schritt voraus zu sein scheint und mit seinem profunden Wissen über Insekten auch so manche Falle zu stellen versteht, sondern auch um eine sehr persönliche Angelegenheit zwischen Lincoln und Amelia. Ohne Lincolns Wunsch, die körperliche Qualität in der Beziehung zu Amelia zu verbessern, wäre das kongeniale Paar gar nicht in die schwierige Lage fernab ihrer großstädtischen Heimat gekommen. Deaver versteht es sehr gut, die schwüle Atmosphäre in den Sümpfen von North Carolina zu beschreiben, auch wenn ausgesuchte Südstaaten-Autoren wie James Lee Burke oder Joe R. Lansdale in dieser Hinsicht noch stärker punkten. Die bevorstehende Operation gerät allerdings schnell ins Hintertreffen und weicht einem zunächst stringent entwickelten Plot um die Jagd nach einem mutmaßlichen Mörder und Entführer, doch müssen sowohl Rhyme als auch Sachs bald feststellen, dass sie den ausgelegten Spuren nicht trauen können und ins Zentrum einer umfassenden Korruption geraten sind, die zum Ende hin zu immer mehr Wendungen führt, für die Jeffery Deaver berühmt ist. Allerdings überspannt er mit seinen wilden Kapriolen den Bogen doch zu sehr und macht die Story fast schon unglaubwürdig. Wer aber Spaß an diesen komplexen Plot-Twists hat, wird „Der Insektensammler“ lieben.

Richard Matheson – „Ich bin Legende“

Montag, 12. Januar 2026

(Festa, 248 S., Pb.)
Obwohl Richard Matheson (1926-2013) Zeit seines Lebens neben unzähligen Geschichten mehr als dreißig Romane veröffentlicht hat, sind hierzulande fast ausschließlich nur die wenigen Romane von ihm veröffentlicht worden, die auch verfilmt worden sind, u.a. „Die unglaubliche Geschichte des Mister C.“, „Echoes – Stimmen aus der Zwischenwelt“ und „Das Ende ist nur der Anfang – Hinter dem Horizont“. Am bekanntesten dürfte aber ein Klassiker sein, der bereits dreimal verfilmt worden ist: „Ich bin Legende“ aus dem Jahr 1954. Nachdem Festa bereits eine wegweisende Schmuckausgabe in zwei Bänden mit den besten Erzählungen des einflussreichen Horror-Schriftstellers und Drehbuchautors veröffentlicht hat, folgt mit „Ich bin Legende“ nun neben der Luxusausgabe im Schuber auch eine Wiederveröffentlichung als Paperback in der „Festa Classics“-Reihe – allerdings ohne jegliches Bonusmaterial.
Im Juni 1976 ist der 36-jährige Robert Neville weit und breit der einzige noch normale Mensch in Los Angeles. Eine Seuche hat offenbar alle Menschen dahingerafft und ließ sie als Vampire auferstehen, die nachts versuchen, auch Robert zu einem der ihren zu machen, u.a. auch sein früherer Arbeitskollege Ben Cortman. Doch Robert hat sich gut genug verbarrikadiert und überall Knoblauchgirlanden aufgehängt. Er selbst ist gegen die Seuche immun und macht sich tagsüber mit Holzpflöcken auf den Weg, die in der Stadt versprengten, schlafenden Vampire aufzusuchen und zu töten. Mit Benzin für sein Auto und seinen Generator und mit Kerzen und Nahrung kehrt er vor der Dämmerung zurück und fristet ein einsames Dasein mit dem Hören von Klassik-Schallplatten und dem Trinken von Whisky. Da er die Natur der Vampire verstehen will und schnell festgestellt hat, dass Kreuze, Kugeln und Spiegel nicht zuverlässig etwas gegen Vampire ausrichten können, unternimmt er Experimente mit den Vampiren und untersucht ihr Blut unter einem Mikroskop…

„Vorher hatte er verbissen darauf beharrt, alle vampirischen Phänomene auf den Erreger zurückzuführen. Wenn sich einige dieser Phänomene nicht durch den Bazillus erklären ließen, versuchte er, sie als Aberglauben abzutun. Er hatte zwar auch flüchtig psychologische Erklärungen in Betracht gezogen, eine solche Möglichkeit aber nicht für sonderlich plausibel gehalten. Jetzt, losgelöst von starren Vorurteilen, sah das schon anders aus.“ (S. 162)

Bram Stokers Roman „Dracula“, der den literarischen und filmischen Vampir erst populär machte, in Richard Mathesons modernem Vampir-Roman zitiert wird, hebt sich „Ich bin Legende“ doch deutlich von Stokers Klassiker ab. Wo der Ire in seinem 1897 veröffentlichten Roman vor allem mythische Vorstellungen über den Vampir verarbeitete, geht Mathesons pragmatisch veranlagter Protagonist nicht nur sehr methodisch, sondern auch wissenschaftlich vor, was den Roman eher in der Science-Fiction verortet als im Horror-Genre. Robert Neville wird als intelligenter, vorsichtiger und skeptischer Militärveteran gezeichnet, der nicht nur mit den Vampiren zu kämpfen hat, sondern vor allem mit der Einsamkeit, weshalb die Begegnungen mit einem hinkenden Hund, zu dem er allmählich Zutrauen zu gewinnen hofft, und einer Frau, die ebenfalls ihre Familie verloren hat und bei Robert Unterschlupf findet, zu den eindringlichsten Momenten des sehr kurzen, flüssig in leicht verständlicher Sprache geschriebenen Romans zählen, der Stephen King zu seinem Roman „Brennen muss Salem“ und George A. Romero zu seinem Zombie-Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ inspiriert hat.
Im Vergleich zur letzten, längst vergriffenen Ausgabe, die Heyne zum Filmstart von „I Am Legend“ (2007) mit Will Smith in der Hauptrolle (zuvor waren Vincent Price und Charlton Heston in der einsamen Hauptrolle zu sehen) fehlen die zehn Geschichten, die als Bonus-Material dem Roman hinzugefügt wurden. Dafür überzeugt das schlichte Gesamt- und das schmucke Seitenlayout der Festa-Ausgabe. Bleibt zu hoffen, dass Festa in Zukunft neben den Wiederveröffentlichungen weiterer längst vergriffener Romane von Richard Matheson auch viele der bislang hierzulande unveröffentlichten Werke in seine „Festa Classics“-Reihe aufnimmt.

Stephen King – „Schlaflos – Insomnia“

Samstag, 10. Januar 2026

(Heyne, 814 S., HC)
Am bekanntesten ist die fiktive Kleinstadt Derry im US-Staat Maine durch Stephen Kings Horror-Epos „Es“ bekannt geworden, aber auch Teile von „Der Anschlag“, „Sara“, „Duddits“ und „Das Monstrum“ spielen sich in Derry ab oder beziehen sich darauf. Mit seinem 1994 veröffentlichten Epos „Schlaflos – Insomnia“ kehrt der „King of Horror“ allerdings nicht nur vollständig nach Derry zurück, sondern bezieht auch die epische Saga um den „Dunklen Turm“ mit ein.
Seit dem Tod seiner geliebten Frau Carolyn leidet der 70-jährige Rentner Ralph Roberts unter stetig zunehmender Schlaflosigkeit. Seine Zeit verbringt der zusammen mit Bill McGovern in einem Haus in der Harris Avenue lebende Witwer vor allem mit Spaziergängen zum Picknickplatz in der Nähe des Flughafeneingangs, wo sich Roberts mit seinen Freunden zum Schachspielen, Romméspielen oder Quatschen trifft. Bei einem dieser Spaziergänge wird er Zeuge, wie sich sein Nachbar Ed Deepneau fürchterlich mit einem LKW-Fahrer anlegt. Wenig später trifft er Eds Ehefrau Helen mit ihrer Tochter Natalie auf dem Parkplatz des Supermarktplatzes. Als er erkennt, dass Helen von ihrem Mann krankenhausreif geschlagen worden ist, weil sie eine Petition für die Feministin Susan Day unterschrieben hatte, sorgt er dafür, dass sie nach der Behandlung im Krankenhaus von einer Frauenrechtlergruppe aufgenommen wird. Diese wollen Susan Day zu einem Vortrag einladen, was die Abtreibungsgegner, denen sich Helens Mann angeschlossen hat, um jeden Preis verhindern, was immer wieder zu gewalttätigen Konfrontationen vor der Abtreibungsklinik sorgt.
Während Roberts während seiner nächtlichen Wachphasen in seinem Ohrensessel über die Straße schaut, bemerkt er vor dem Haus einer Nachbarin zwei kleine, kahlköpfige, weiße Wesen, die ihn an Ärzte erinnern und eine Schere mit sich führen. Roberts alarmiert die Polizei, die die Nachbarin tot in ihrem Bett auffindet, und ist sich sicher, dass die seltsamen Wesen ihr den Lebensfaden abgeschnitten haben. Durch seinen ermüdeten Verstand scheint Roberts in der Lage zu sein, Auren in verschiedenen Farben um die Menschen herum zu sehen. Roberts zweifelt bereits an seinem Verstand, als er erfährt, dass auch die verwitwete Lois Chasse in der Lage ist, diese Auren zu sehen.
Bei einem gemeinsamen Krankenhausbesuch lernen sie tatsächlich die beiden kahlköpfigen „Ärzte“ kennen, die Roberts Lachesis und Klotho nennt, die die beiden „Kurzfristigen“ auf eine andere Ebene führen, um ihnen zu erklären, dass ein dritter Arzt, Atropos, auf Befehl des Scharlachroten Königs tausende von Menschen bei der bevorstehenden Kundgebung töten will. Roberts erklärt sich bereit, ein großes Opfer auf sich zu nehmen, um die Katastrophe zu verhindern…

„Er verspürte ein beängstigendes Gefühl von Schwerelosigkeit und Schwindel, und einen Augenblick war er sicher, dass er sich übergeben müsste. Es wurde von einem Gefühl der Schwächung begleitet, als würde der Großteil der Energie, die er Lois abgenommen hatte, abgesaugt werden. Vermutlich entsprach das den Tatsachen. Immerhin handelte es sich hier um eine Form der Teleportation, richtiger Science-Fiction-Kram, und so etwas musste eine Menge Energie verbrauchen. Das Schwindelgefühl verging, aber es wurde von einer Wahrnehmung ersetzt, die noch schlimmer war – einem Gefühl, als wäre ihm irgendwie der Hals durchtrennt worden. Er stellte fest, dass er einen ungehinderten Ausblick auf einen weiten Teil der Welt hatte.“ (S. 726)

Stephen King nimmt sich wie gewohnt viel Zeit, um die Bühne vorzustellen, auf der sich das Science-Fiction-Action-Abenteuer in der Folge entfaltet, vor allem sein Protagonist Ralph Roberts wird ausführlich vorgestellt, wobei die zunehmende Schlaflosigkeit zunächst eine vernünftige Erklärung für die Wahrnehmung mysteriöser Wesen in der Nacht und verschiedenfarbiger Auren bieten würde. Dass hinter den Vorgängen allerdings eine fremdartige Macht steht, die mit dem Scharlachroten König aus Stephen Kings Universum des Dunklen Turms in Verbindung gebracht wird, schadet der Glaubwürdigkeit der Geschichte mehr, als dass sie nützt, denn kohärent wirkt die Zusammensetzung beider Welten nicht. Die ausufernde Erzählweise tut ein Übriges, dass „Schlaflos – Insomnia“ wie ein missglücktes Flickwerk wirkt, in dem allein die Beziehung zwischen Ralph Roberts und Lois Chasse unter Beweis stellt, welch großartiger Erzähler Stephen King sein kann, wenn er nicht auf Teufel komm raus das Übernatürliche und Grauen ins Spiel bringt. 

Ray Bradbury – „S Is For Space“

Samstag, 3. Januar 2026

(Knaur, 284 S., Pb.)
Ray Bradbury (1920-2012) zählte zu den einflussreichsten und begnadetsten Schriftstellern seiner Zeit und lieferte beispielsweise mit seinem Roman „Fahrenheit 451“ einen Klassiker der Science-Fiction, der noch immer zur Standard-Schullektüre zählt. Vor allem mit unzähligen, bei Diogenes erschienenen Story-Sammlungen wie „Medizin für Melancholie“, „Die goldenen Äpfel der Sonne“, „Die Mechanismen der Freude“, „Der illustrierte Mann“ und „Familientreffen“ ist Bradbury auch einem deutschsprachigen Publikum ans Herz gewachsen. 1966 veröffentlichte Bradbury mit „S Is For Space“ einen Nachfolger für seine Story-Sammlung „R Is For Rocket“ und versammelte darin einige seiner besten bis dato erschienene Geschichten. 2017 legte Knaur diese mit einem schönen Vorwort des Autors versehene Sammlung erstmals in deutscher Sprache vor. Einen Nachweis über die ursprünglichen Veröffentlichungen der einzelnen Geschichten bleibt die Zusammenstellung allerdings schuldig. 
„Stunde Null“ erzählt von kleinen Kindern unter zehn Jahren, die Invasion „spielen“ wollen, aber still und heimlich und von den Erwachsenen kaum wahrgenommen tatsächlich die Dinge nach ihren Vorstellungen in die Hand nehmen…
In „Der Mann“ landet Captain Hart mit seiner Crew auf einem fernen Planeten und wundert sich, dass kein Empfangskomitee mit Blaskapelle bereitsteht. Dabei sind die Straßen voller Menschen, nur interessieren sie sich nicht die Bohne für die Neuankömmlinge aus dem Weltall. Der Bürgermeister versucht Hart zu erklären, dass die Ankunft eines weit berühmteren Mannes die Aufmerksamkeit der Bürger ganz für sich beansprucht…
„Auf den Schwingen der Zeit“ handelt von einer Exkursion, die Mr. Fields mit seinen Schülern in einer Zeitmaschine ins Jahr 1928 unternimmt, um das Verhalten der historischen Menschen zu studieren. Allerdings hat der Besuch eines Zirkus unerwartete Folgen…
In „Der Spaziergänger“ macht sich Leonard Mead im Jahr 2053 allein auf einen Spaziergang durch die leeren Straßen, bis er von einer Polizeistreife angehalten wird, denen Mead Rechenschaft darüber ablegen muss, dass er als Schriftsteller keinem Beruf nachgeht, sondern nur spazieren ist, worauf die Polizisten ihn ins Psychiatrische Zentrum bringen wollen…
In „Feuersäule“ ersteht William Lantry (Geboren 1898 – Gestorben 1933) im Jahr 2349 aus seinem Grab auf. Auf dem letzten Friedhof der Welt werden gerade die letzten Gräber geleert. Mit Schrecken stellt er fest, dass er der letzte Tote auf der Welt ist. Natürlich sterben die Menschen noch immer, aber sie werden am Ende ihrer Tage einfach in einer Verbrennungsanlage entsorgt. Als er den Totengräbern bei der Arbeit zusieht und zuhört, reift in ihm ein Plan…

„Ihr habt die Grabsteine wie Zähne aus dem Boden gezogen, dachte er. Jetzt werde ich einen Weg suchen, eure Säulen zu Staub zu zerstoßen. Ich werde Tote erschaffen und somit mir Freunde machen. Ich will nicht mehr allein und einsam sein. Ich muss sogleich damit beginnen, Freunde anzufertigen. Noch heute Nacht.“ (S. 79)

Wer mit Ray Bradbury und seinem wunderbaren Werk vertraut ist, wird nicht unbedingt auf diese Sammlung einiger seiner bekanntesten Geschichten nicht unbedingt zurückgreifen müssen, doch als Einstieg in die einzigartige Poesie, die der bis heute so einflussreiche Autor sein Eigen nennt, ist „S Is For Space“ wunderbar geeignet, auch wenn hier nicht unbedingt seine besten und erinnerungswürdigsten Geschichten versammelt sind. Bradburys Geschichten leben von Menschen, die in ungewöhnlichen Situationen – oft in der Zukunft und auf dem Mars angesiedelt – mit ungewöhnlichen Ereignissen konfrontiert werden, sei es mit der Einsamkeit oder unbekannten Spezies. Auch wenn Bradbury dabei sogar gelegentlich in gruselige Sphären abdriftet und dunkle Triebe gelegentlich für krasse Pointen sorgen, überwiegen doch die warmherzigen, poetischen Töne, für die Bradbury zurecht so berühmt geworden ist.

 

Jo Nesbø – „Minnesota“

Donnerstag, 1. Januar 2026

(Ullstein, 408 S. HC)
Seit Ende der 1990er Jahre hat der norwegische Musiker und Schriftsteller Jo Nesbø bereits dreizehn Romane um den alkoholkranken, alleinstehenden Hauptkommissar Harry Hole veröffentlicht, sich aber immer wieder die Zeit genommen, für sich allein stehende Geschichten zu erzählen. Besonders gut gelungen ist ihm das mit seinem neuen Roman „Minnesota“.
Der Norweger Holger Rudi reist im September 2022 nach Minneapolis, um für sein True-Crime-Buch mit dem Arbeitstitel „Der Rächer von Minneapolis“ zu recherchieren. Dabei geht es um eine Reihe von Morden aus dem Jahr 2016, die mit dem Attentat auf den Waffenhändler Marco Dante begannen, der ironischerweise mit einem von ihm gekauften Gewehr der Marke M24 angeschossen wurde. Bob Oz vom MPD, der von seinen Kollegen „One-Night-Bob“ genannt wird, weil er nach auch nach noch nur so kleinen Erfolgen nahezu immer mit einer Frau an seiner Seite aus der Bar ging, wo er mit seinen Kollegen abhing, wird von seinem Commander Walker mit den Ermittlungen betraut, als er in einer Bar in Dinkytown gerade mit der Bardame Liza anzubändeln versucht. Doch der Täter hat es auf weitere kriminelle Subjekte abgesehen. Eine Spur führt zu Town Taxidermy, wo der mutmaßliche Verdächtige Tomas Gomez bei dem Inhaber Mike Lunde die Konservierung eines Tieres in Auftrag gegeben hatte. Je weiter die Ermittlungen voranschreiten und Gomez seinen Verfolgern stets nur einen Schritt voraus zu sein scheint, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, dass Bürgermeister Kevin Patterson, der in Kürze eine Rede eine Rede vor 60.000 Menschen zur Versammlung der NRA (National Rifle Association) halten soll, das nächste Opfer des Killers sein könnte…

„Die Zeit war vorbei. Jetzt sollten sich die anderen fürchten. Mein schneller Puls verriet mir nur, dass ich lebte, dass ich etwas fühlte… zum ersten Mal seit Langem. Was ich tat, war gefährlich, angenehm gefährlich. Gleichzeitig beunruhigte mich etwas, dass ich das Ganze etwas spannender machte, als es sein musste. Als wollte irgendetwas in mir ihnen eine Chance geben, mich aufzuhalten. Aber wollte ich das? Natürlich nicht.“ (S. 216)

Auch wenn Jo Nesbø seinen neuen Roman in den USA ansiedelt, hat er selbst doch nichts mit seinen US-amerikanischen Kollegen im Thriller-Genre gemein. Das wird bereits in den ersten Kapiteln deutlich, die sich nicht nur durch die Zeitsprünge aus dem Jahr 2022 ins Jahr 2016, sondern durch die Perspektive des Ich-Erzählers auszeichnen, der jetzt ein Schriftsteller ist, damals aber der Killer auf einer Rachemission. Dazwischen wird in der dritten Person von den Ermittlungen der Beamten des Minneapolis Police Department geschrieben, vor allem von Bob Oz, der den Unfalltod seiner Tochter vor drei Jahren und die Trennung von seiner Frau Alice, die nun ein Kind von einem neuen Mann erwartet, noch nicht richtig verarbeitet hat. Er kann sich gut in den Täter hineinversetzen, der offenbar ein ähnliches Trauma erlitten hat und nun systematisch gegen die vorgeht, die diese Tragödie seiner Meinung nach mitverantwortet haben.
Nesbø nimmt sich genügend Zeit, um die Wunden in den Seelen seiner Figuren zu erkunden, lässt so tatsächlich Mitgefühl für die Motivation des Täters entstehen, dessen Handeln stets abwechselnd mit den Ermittlungen von Bob Oz und seinen Kolleg:innen Kay Meyers und Olav Hanson geschildert wird. Das sorgt für Tempo und Abwechslung, macht die Katz-und-Maus-Jagd ebenso spannend wie unberechenbar, denn Nesbø führt vor allem seine Leserschaft am Ende gekonnt in die Irre.
„Minnesota“ ist ein ungewöhnlicher Thriller, der das Zeug zum Auftakt einer neuen Serie hätte, wobei vor allem die vom Leben gezeichneten Figuren interessant sind.