Montag, 15. November 2010

John Katzenbach – „Der Professor“

(Droemer, 555 S., HC)
Seit drei Jahren ist der vor kurzem pensionierte Psychologieprofessor Adrian Thomas Witwer und verliert den letzten Lebenswillen, als ihm der Arzt die seltene Lewy-Körper-Demenz im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert, bei der rasch mit fortschreitendem Verlust von Körperfunktionen, des kritischen Denkvermögens, sowie von Kurz- und Langzeitgedächtnis zum Krankheitsbild gehören, bis nach fünf bis sieben Jahren mit dem Tod zu rechnen ist. Nun, die im Nachttisch aufbewahrte Neun-Millimeter-Halbautomatik dürfte dem Leiden ein schnelleres Ende bereiten. Noch einmal begibt sich Thomas auf dem Wanderweg zum Mount Pollux hinauf, blickt auf den Universitätscampus hinab, erfreut sich an den Frühlingsboten und hängt schönen Erinnerungen an sein vergangenes Leben nach. Doch auf dem Rückweg bemerkt er ganz in der Nähe seines Hauses ein Mädchen im Teenageralter, dann einen weißen Kleinlastwagen. Plötzlich ist das Mädchen verschwunden. Nur eine rote Baseballkappe erinnert noch daran, dass es eben noch hier war.
Der bereits unter Wahnvorstellungen leidende Thomas berät sich zunächst mit seiner toten Frau, dann auch mit seinem durch eigene Hand gestorbenen Bruder Brian und beschließt, erst die Polizei zu informieren und dann auf eigene Faust zu ermitteln. Während Detective Terri Collins zunächst davon ausgeht, dass Jennifer Riggins einen weiteren Ausreißversuch unternommen hat, befindet sich das Mädchen allerdings in der Hand eines perfiden Verbrecherpaars, das einem wohlsituierten Publikum die filmische Dokumentation ihrer Folter verkauft.
„Das Schöne an Whatcomesnext.com war die Kunst des Unberechenbaren. Niemand konnte je im Voraus wissen, was die Kamera einfangen würde. Niemand sollte den nächsten Schachzug vorhersagen können. Weder die tatsächliche Dauer der Serie noch das spezielle Thema ahnten sie. Ein fast nackter Teenager, der in einem anonymen Raum an eine Wand gekettet war, bot eine Folie für unendlich viele Möglichkeiten.“ (S. 218 f.)
Jennifers Leben hängt vor allem davon ab, dass sie ihr Publikum zu unterhalten versteht. Wird sie nicht vorher gefunden und beginnt sie ihr zahlendes Publikum zu langweilen, ist sie ebenso wie Adrian Thomas dem Tod geweiht …
John Katzenbach hat sich bereits mit Bestsellern wie „Die Anstalt“ und „Der Patient“ erschreckend intensiv mit den Abgründen der menschlichen Psyche auseinandergesetzt. Das Thema, das er sich für „Der Professor“ ausgesucht hat, ist vielleicht nicht gerade neu, aber durchaus packend umgesetzt worden. Zwar werden alle Beteiligten mit ihren Motivationen ausführlich vorgestellt und begleitet, aber der titelgebende Professor steht mit seiner Suche nach dem entführten Mädchen im Mittelpunkt. Spannende Psycho-Thriller-Kost für stahlharte Nerven!

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