Jim Thompson – „Der Mörder in mir“

Dienstag, 3. August 2021

(Diogenes, 234 S., Tb.) 
Lou Ford ist ein junger Deputy Sheriff in der texanischen Kleinstadt Central City, wo er allein in dem Haus seines verstorbenen Vaters, einem Arzt, lebt. Nach außen hin wirkt der umgängliche Ford wie die Verkörperung guter Manieren und wird von seinem Vorgesetzten, Sheriff Bob Maples, wegen seiner empathischen Art gern für Verhöre von Verdächtigen eingesetzt, um ihnen ein Geständnis zu entlocken. Niemand weiß allerdings, dass er sich als Vierzehnjähriger mit dem Hausmädchen vergnügt hatte, was sein Vater zwar mitbekam, stattdessen aber Lous zwei Jahre älteren, nichtsnutzigen Ziehbruder Mike für die Schandtat büßen ließ. 
Jahre später verunglückte Mike auf einer Baustelle der Firma von Chester Conway, weshalb Lous Vater vor Gram starb und in Lou einen unbändigen Hass auf den mächtigen Bauunternehmer entflammen ließ. Nach fünfzehn Jahren überkommt Ford ein ähnliches Verlangen, als er die Prostituierte Joyce Lakeland kennenlernt und sie nach einer kurzen Liaison mit ihr ins Koma prügelt. Doch sie bleibt nicht sein einziges Opfer. Aus Rache an Conway lässt Lou Ford auch dessen Sohn Elmer über die Klinge springen, und Lous Freundin, die attraktive Lehrerin Amy, geht dem jungen Deputy Sheriff mit ihrem Heiratsgeschwätz so auf die Nerven, dass auch sie mit ihrem Leben spielt. Doch mit seiner lockeren Art kommt Lou scheinbar überall durch, auch wenn einige mächtige Leute wie Staatsanwalt Howard Hendricks oder der mächtige Gewerkschaftsboss Joe Rothman schon einen Verdacht hegen, dass hinter den ganzen Unglücksfällen in der Stadt mehr steckt, als jedermann ahnt … 
„Die dummen Sprüche passten zu dem etwas vertrottelten, gutmütigen Typ, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Rothman hatte selbst gesagt, dass, ganz egal wie verrückt das Ganze schien, die Vorstellung, ich sei der Mörder, noch verrückter wäre. Und meine Sprüche waren einfach ein Teil von mir – das heißt ein Teil von dem Mann, der sie alle in die Irre geführt hatte. Was würden die Leute denken, wenn ich auf einmal Schluss mit dem Sprücheklopfen machte?“ (S. 92) 
Mit seinem vierten Roman hat der 1906 geborene und 1977 völlig verarmt verstorbene Schriftsteller Jim Thompson 1952 ein Highlight des Noir-Genres abgeliefert. Mit dem nicht mal dreißigjährigen Lou Ford hat Thompson einen Ich-Erzähler etabliert, der nicht von ungefähr zwei Seelen in sich trägt – die des charmanten, höflichen und rechtschaffenen Gesetzeshüters und die des raffinierten Killers -, denn laut eigenen Studien anhand der Bücher seines Vaters leidet Lou Ford an paranoider Schizophrenie. Angetrieben von dem Trauma aus seiner Kindheit, dem daraus resultierenden Kontrollzwang seines Vaters und dem Hass auf den skrupellosen Baulöwen Conway beseitigt Lou Ford nicht nur systematisch alle Menschen, mit denen er auf welch verschrobene Weise auch immer über Kreuz liegt, sondern lässt dafür auch noch Unschuldige die Suppe auslöffeln. 
Es ist Thompsons klarer Sprache und seinem schnörkellos krassen Stil zu verdanken, dass der Leser gebannt den brutalen Verbrechen des Ich-Erzählers folgt, der überhaupt keine Gewissensbisse verspürt. Doch Lou Ford ist bei weitem nicht die einzige Figur mit fragwürdigen Moralvorstellungen. Gerade die Männer in Machtpositionen, die mit dem jungen Gesetzeshüter ihre Spielchen treiben wollen, kommen noch weniger sympathisch rüber als der skrupellose Killer, der ungerührt von seinen Taten berichtet und seine verqueren Motive so überzeugend darlegt, dass man ihn als Beobachter eigentlich nur beipflichten kann und so schon fast zum Komplizen wird. 

 

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