Irvine Welsh – „Crime“

Freitag, 6. Februar 2026

(Kiepenheuer & Witsch, 480 S., Tb.)
Seit seinem erfolgreich von Danny Boyle verfilmten, für dem Booker Prize nominierten Debütroman „Trainspotting“ setzt sich der aus Edinburgh stammende Irvine Welsh mit allen nur vorstellbaren menschlichen Abgründen auseinander und verpackt seine – vornehmlich in seiner Heimatstadt angesiedelten - Drogen-, Alkohol- und Sexexzesse in rauschende, temporeiche und humorvolle Geschichten, die immer wieder den Weg auf die Leinwand oder ins Fernsehen finden, so wie sein 2008 veröffentlichter, hierzulande aber erst 2011 erschienener Roman „Crime“, der es auf zwei Staffeln mit Dougray Scott („Mission Impossible II“, „My Week With Marilyn“) in der Hauptrolle geschafft hat.
Das Schicksal der siebenjährigen Britney Hamil, die von ihrem Mörder zuvor entführt und vergewaltigt worden war, hat dem in Edinburgh tätigen Polizeiinspektor Ray Lennox arg zugesetzt. Sein Vorgesetzter mochte sich Lennox‘ Verhalten nicht länger ansehen und verordnete ihm eine Zwangspause, die Ray nicht nur dazu nutzt, um mental wieder klarzukommen, sondern mit der Reise nach Miami Beach auch die Hochzeit mit seiner Verlobten Trudi zu planen. Dabei ist Ray fast schon überzeugt davon, dass die Heirat ein Fehler ist. Während Trudi mit ihrer Zeitschrift „Perfect Bride“ nichts anderes mehr im Sinn hat als die Hochzeit, ist Ray schon kurz nach dem Einchecken im kleinen Boutique Hotel schnell genervt. Das Treffen mit seinem alten Freund Eddie „Ginger“ Rogers und seiner neuen Frau Dolores verläuft auch nicht besonders erbaulich, also zieht Ray allein um die Häuser und lernt in einer Bar die beiden Freundinnen Robyn und Starry kennen. Ray nimmt das Angebot nur zu gern an, mit den beiden Frauen ein paar Linien Koks zu ziehen und schließlich mit in die Wohnung von Robyn zu gehen, in der er auch Robyns zehnjährige Tochter Tianna kennenlernt. Als ein Cop Lance Dearing und dessen Kumpel Johnnie ebenfalls der Party beiwohnen, muss Ray schließlich Johnnie von Tianna runterziehen. Die verzweifelte Mutter fleht Ray an, ihr Mädchen zu einem Freund namens Chet an den Golf von Mexiko in Sicherheit zu bringen, doch dort spitzen sich die Ereignisse zu…

„Seine Sicht auf die Welt, die reduzierte und misanthropische des schottischen Polizeibeamten, scheint ihm keinen adäquaten Rettungsring abzugeben. Die alten Gewissheiten, mit denen er sich getragen hat: von den moralisch bankrotten, bösartigen Reichen, den ignoranten, schwachen Armen und dem ängstlichen, engstirnigen, verklemmten Bürgertum – selbst alle zusammengenommen wirken sie in ihrem Kretinismus nicht eindrucksvoll genug, um die Welt so vor die Wand gefahren zu haben, wie es zurzeit aussieht.“ (S. 320)

Irvine Welsh weist in seiner Danksagung am Ende seines Buches korrekterweise darauf hin, dass der thematisierte sexuelle Missbrauch an Kindern weniger eine Sache organisierter Banden ist, wie im Buch beschrieben, sondern vornehmlich im Kreis von Freunden und Familie vonstattengeht. Für einen Thriller, wie ihn der schottische Bestsellerautor geschaffen hat, bietet die organisierte Kriminalität allerdings einen packenderen Plot. So stellt er den Protagonisten Ray Lennox selbst als seelisch verwundeten Cop dar, der vor allem wegen eigener Erfahrungen im Jugendalter zur Polizei gegangen ist, um fortan Jagd auf die perversen Kinderschänder zu machen, die ihm selbst und vor allem seinem Freund Les einst so zugesetzt haben. Aber es sind vor allem die jüngsten Erinnerungen an die verpatzten Ermittlungen im Fall der vergewaltigten und getöteten Britney, die Ray nicht loslassen und die im Sunshine State Florida ungeahnt neue Nahrung erhalten. Welsh entführt seine Leserschaft an der Seite von Ray auf eine ernüchternde, schockierende Tour de Force, auf einen Roadtrip mit der zehnjährigen Tianna, die schon zu viel Schlimmes erlebt hat, um noch beurteilen zu können, welche Männer ihre Freunde sind und welche ihr im Namen vorgeheuchelter „Liebe“ Gewalt antun. Welsh spart dabei nicht an eindringlichen Beschreibungen sexuellen Missbrauchs, ohne dabei zu sensationslüstern oder explizit zu werden. Allerdings driftet „Crime“ zum Ende hin zu sehr in klassische US-Thriller-Muster ab und unterläuft damit einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit, woran auch das überzogene Happy End seinen Anteil trägt.