Samstag, 23. März 2013

Robert Bloch – „Der Ripper“

(Heyne, 282 S., Tb.)
London im August 1888. Wie viele ihrer Mitmenschen ist die Lernschwester Eva Sloane von den grausamen Morden an Prostituierten in Londons Elendsviertel Whitechapel betroffen. Die Polizei tappt bei der Identifizierung des Täters ziemlich im Dunkeln. Da der Täter offensichtlich gute anatomische Kenntnisse besitzt, sucht Kriminalinspektor Frederick Abberline die Unterstützung der Ärzte im London Hospital.
Da die Chirurgen aber schnell das Gefühl bekommen, ganz oben auf der Liste der Verdächtigen zu stehen, halten sie mit ihren Meinungen hinter den Berg. Allein der gerade aus Amerika zu Studienzwecken nach London gereiste junge Arzt Mark Robinson steht dem Inspektor mit Rat und Tat zur Seite. Dabei beginnt er sich auch für die sympathische Krankenschwester zu interessieren, der er eines Nachts behilflich gewesen ist, die ihn aber wegen einer Verabredung immer wieder freundlich, aber bestimmt abblitzen lässt. Abberline und Robinson verfolgen eine Menge Spuren und kommen bei ihren Ermittlungen sowohl mit Arthur Conan Doyle und Oscar Wilde als auch John Merrick, dem Elefantenmenschen, in Kontakt. Schließlich scheint das spiritistische Medium Robert Lees die Polizei auf eine heikle Spur zu führen. Denn Lees Visionen bringen Abberline und Robinson geradewegs zum Leibarzt der Königin. Währenddessen verspottet Jack the Ripper die Polizei mit Briefen voller Rechtschreibfehler und kündigt kühn weitere Taten an …
„Wer der Ripper auch sein mochte, er lief frei herum. Er lief mit einem Messer durch die Nacht, auf der Suche nach neuen Opfern … Von der nahegelegenen Kirche schlug es Mitternacht, und Marks Lächeln verschwand. Jetzt blickte er grimmig drein. So viele Kirchen gab es hier in Whitechapel, so viele Gebete, die zu Gott aufstiegen, und wozu? Gebete waren kein Schutz vor einem Massenmörder, das hatte sich erwiesen. Es gab keinen möglichen Schutz, solange Jack the Ripper umherstreifte. Er konnte jetzt überall sein, selbst hier.“ (S. 231) 
Robert Bloch ist vor allem durch die literarische Vorlage zu Alfred Hitchcocks Suspense-Klassiker „Psycho“ weltberühmt geworden und hat eine Vielzahl von Kriminal- und Horrorgeschichten verfasst. In „Der Ripper“ hat er sich eines der spektakulärsten Fälle der Kriminalgeschichte angenommen, aber ganz bewusst wenige historische Fakten verwendet, abgesehen von den Einzelheiten der Taten, die Jack the Ripper begangen hat. Bloch nimmt sich allerdings wenig Zeit, die Vielzahl der Figuren näher zu charakterisieren, die er stakkatoartig vorstellt, um sie als mögliche Verdächtige einzuführen. Auf der anderen Seite sind nahezu ebenso viele Charaktere in die Aufklärung der scheußlichen Verbrechen eingebunden. So präsentiert sich „Der Ripper“ als zwar spannend geschriebenes, doch aufgrund der unzähligen Figuren recht beliebiges „Whodunit“-Spiel ohne allzu großen Gruselfaktor. Denn dafür fehlt es dem hastig inszenierten Figurenkarussell an der nötigen Atmosphäre.

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