Sonntag, 2. Januar 2011

J.L. Carrell – „Die Shakespeare-Morde“

(List, 463 S., HC)
Kurz vor der Premiere ihrer „Hamlet“-Inszenierung am Londoner Globe Theatre bekommt die renommierte Shakespeare-Expertin Kate Shelton Besuch von ihrer ehemaligen Mentorin, der Harvard-Professorin Rosalind Howard. Obwohl sie es nie verwunden zu haben scheint, dass Kate ihre akademische Karriere gegen die Liebe zum Theater eintauschte, überreicht Ros ihr eine Schachtel mit den Worten: „Wenn du die Schachtel öffnest, musst du dem Weg folgen, den sie dir weist.“ Doch bevor Ros ihr zum später verabredeten Treffpunkt auf dem Parliament Hill mehr zu der geheimnisvollen Schachtel erzählen kann, bricht ein Feuer am Theater aus, in dem Ros an den Folgen einer tödlichen Kalium-Injektion in bester Shakespeare-Tradition zu Tode kommt.
Als Kate darüber rätselt, warum Ros ausgerechnet zu ihr mit der Kassette gekommen ist, in der sich eine Brosche befindet, die sich als beliebter Trauerschmuck des 19. Jahrhunderts entpuppt, fällt ihr nur ihre eigene Dissertation ein, die sie über die vielen Versuche geschrieben hat, kodiertes Geheimwissen aus Shakespeares Werken herauszulesen. Zusammen mit Sir Henry Lee, dem Grand Seigneur des britischen Theaters, und Ben Pearl, Rosalinds Neffen, macht sich Kate auf die Suche nach einem verschollenen Shakespeare-Stück, das in Zusammenhang mit Cervantes‘ berühmten „Don Quixote“ zu stehen scheint und hinter dem auch Rosalinds Mörder her ist, der seine Widersacher nach Shakespeares literarischen Werken umbringt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wer ein Interesse daran haben kann, dass das verschollene Shakespeare-Stück unentdeckt bleibt.
Hier kommen die verschiedenen Theorien über Shakespeares Identität ins Spiel.
„Wer müsste überhaupt ein solches Geheimnis um seine Identität machen? Möglicherweise ein Adliger – das Theater wäre ein Fleck auf der Familienweste. Oder natürlich eine Frau, egal welchen Ranges. Dann gibt es angeblich noch die geheimen Botschaften in den Stücken – meistens ist von Freimaurern, Rosenkreuzern oder Jesuiten die Rede. Und die Behauptung, der Autor der Stücke – für gewöhnlich Francis Bacon – sei der Sohn der Königin. Wer an so was glaubt, hält die Maskerade für eine nötige Sicherheitsvorkehrung.“ (S. 270)
Die abenteuerliche, mit vielen Rätseln gespickte Spurensuche führt das Trio von London nach Boston, Arizona, ins spanische Valladolid und nach Tombstone, und je näher man der Auflösung des „Cardenio“ betitelten Stückes kommt, umso mehr Tote pflastern den Weg der detektivischen Shakespeare-Freunde.
Eins muss man Dr. phil. Jennifer Lee Carrell lassen. Die an der Harvard University in Englischer und Amerikanischer Literatur promovierte Shakespeare-Expertin weiß, wovon sie schreibt. Leider spickt sie ihre eigentlich interessante literarische Schnitzeljagd mit dermaßen viel Fachwissen, Shakespeare-Zitaten, dass der Leser spätestens nach 300 Seiten die Lust an dem intellektuell anspruchsvollen Dechiffrierungen verliert. Es werden so viele Verweise, Möglichkeiten, Lebensläufe, Theorien diskutiert, während die Protagonisten mit allerlei Hilfe und Fallstricken durch die Welt jettet, dass einfach der Faden der Geschichte und die Spannung verloren gehen. Dieses Manko wird durch die viel zu seltenen und undurchschaubaren Rückblicke in die Shakespeare-Zeit nicht gerade abgemildert. Somit dürfte „Die Shakespeare-Morde“ nur für außerordentlich interessierte Shakespeare-Anhänger durchweg unterhaltsam sein.

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