Sonntag, 23. Januar 2011

Willy Vlautin – „Motel Life“

(Berlin Verlag, 207 S., Pb.)
Frank Flannigan ist eigentlich zu besoffen, um noch irgendetwas zu merken, aber dass eine Ente durch das Motelzimmer im dritten Stock geflogen und vor seinen Füßen verendet ist, bekommt er doch mit. Schließlich herrschen draußen klirrende Minus fünfzehn Grad. Die Ente wird kurzerhand wieder aus dem Fenster geschmissen, die Heizdecke voll aufgedreht und dann weitergepennt. Doch wenig später steht Franks älterer Bruder Jerry Lee vor dem Bett und heult sich die Seele aus dem Leib.
Er erzählt, dass er sich nach einem Streit mit Polly Flynn betrunken ins Auto gesetzt habe und auf der Fifth Street morgens um vier Uhr bei heftigem Schneefall einen Jungen auf dem Fahrrad angefahren habe. Nun liegt er tot in eine Decke gehüllt auf dem Rücksitz seines Dodge Fury. Am nächsten Morgen beschließen die beiden Brüder, den Jungen, dem nicht mehr zu helfen ist, vor dem St. Mary’s Hospital abzulegen, von der Bank das letzte Guthaben zu holen und mit den knapp über dreihundert Dollar abzuhauen.
„Das Unglück, jeden Tag werden die Menschen damit geschlagen. Auf kaum etwas anderes kann man sich so sicher verlassen. Es ist immer im Spiel, die nächste Karte, die du aufnimmst, könnte das Unglück sein. Am meisten Angst macht mir, dass man nie genau weiß, wann es zuschlägt und bei wem. Aber an jenem Morgen, als ich die steifgefrorenen Arme des kleinen Jungen hinten im Wagen sah, da wusste ich, das Unglück hatte meinen Bruder und mich gefunden. Und wir, wir nahmen das Unglück und banden es uns wie einen Klotz ans Bein. Wir taten das Schlimmste, was man machen kann. Wir liefen weg. Wir stiegen einfach in seinen abgewrackten 1974er Dodge Fury und hauten ab.“ (S. 13 f.)
Mit einem vollen Tank, etwas Medizin gegen Franks Magenbeschwerden und genügend Alkohol machen sich die Jungs auf den Weg. Unterwegs werden Erinnerungen ausgetauscht, wie der spielsüchtige Vater früh abgehauen und die Mutter wenig später gestorben ist, wie man an verschiedene Jobs gekommen ist und sie wieder verloren hat, und Frank lässt sich immer neue Geschichten einfallen, um seinen Bruder zu unterhalten, auch als dieser sich ins ohnehin schon verstümmelte Bein schießt, weil er mit seinen Schuldgefühlen nicht mehr leben kann. Immer wieder wird in Rückblenden beleuchtet, wie und warum die Jungs auf die schiefe Bahn geraten sind, und doch schlagen sie sich irgendwie durch, nehmen die undankbarsten Jobs an, haben Pech mit den Mädchen, aber irgendwann auch Glück im Spiel.
Willy Vlautin, seines Zeichens Frontmann der amerikanischen Folkrock-Band Richmond Fontaine, legt mit „Motel Life“ ein erstaunliches Debüt hin, dessen 200 Seiten mit den kurzen Kapiteln und einleitenden Illustrationen von Nate Beaty schnell wegzulesen sind. Die herzerwärmende Geschichte eines verloren wirkenden Bruderpaars ist mit ebenso viel Tragik wie Humor durchtränkt und lässt seine sympathischen Antihelden alle schluchzenden Täler durchschreiten, die man sich so vorstellen kann, Alkoholismus, Spielsucht, Pech in der Liebe und bei dem kläglichen Versuch, eine Arbeitskarriere aufzubauen. Vergleiche mit Annie Proulx‘ „Schiffsmeldungen“ oder John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ kommt einem dabei in den Sinn, aber Vlautins traurig-humorvoller Road-Movie-Blues nimmt durchaus eine eigene Stellung in dieser Art von amerikanischer Literatur ein.

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