Montag, 20. Dezember 2010

Tom Piccirilli – „Der Geruch von Blut“

(Heyne, 303 S., Pb.)
Anderthalb Stunden nördlich von Manhattan liegt Three Rivers, ein beschauliches Örtchen mit einer fünf Blocks langen Hauptstraße, Fernfahrerkneipen mit schlechtem Essen, ein paar Bars, einer verlassenen Futtermühle und einer geschlossenen Zuckerfabrik. Die „Attraktion“ besteht in dem St. Valarian’s Mädcheninternat, an dem der blinde Finn Literatur lehrt. Der Verlust seines Augenlichts hat irgendwie mit seiner verstorbenen Frau Danielle zu tun, doch wie sich die Tragödie damals zugetragen hat, kann der Leser aus den oft wirren Erinnerungen des ehemaligen Polizisten nur dunkel erahnen.
 Während sein damaliger Partner Ray wegen Verstrickungen mit der Mafia in den Knast wanderte, quittierte Finn den Dienst und fing als Lehrer in dem Mädcheninternat ein neues Leben an, im Schlepptau die drogensüchtige Krankenschwester Roz, die sich zunächst aufopferungsvoll um den nach einer Bombenexplosion verstümmelten Ray kümmerte, wegen ihrer Sucht aber ebenfalls eine neue Stelle suchen musste. Doch auch im kleinen Three Rivers lassen Finn die Geister der Vergangenheit keine Ruhe. Als er auf dem nahe gelegenen Friedhof den verschneiten und misshandelten Körper eines Mädchens, Harley Moon, findet, hat ihn die Vergangenheit endgültig eingeholt, zumal auch wenig später Roz spurlos verschwindet …
„Manchmal hat er das Gefühl, nie wieder irgendeinen Einfluss auf die Welt zu haben. Und manchmal fühlt es sich an, als müsse er nur den Kopf zur Seite legen und mit den Fingern schnipsen, und alles, was er sich erträumt, wird wahr. Kein guter Ort für solche Gedanken. Er merkt, dass er ins Wanken gerät, und lässt die Hand sinken (…) So sieht wahrscheinlich ein Nervenzusammenbruch aus. Leute, die durch die Fifth Avenue laufen und vor sich hin murmeln, ins Gespräch vertieft mit verschollenen Kindern, toten Eltern, Klassenlehrern, Ausbildern bei der Armee, all den Heiligen, Märtyrern und anderen imaginären Bekannten. Finn überlegt, wen oder was Harley Moon wohl repräsentiert, für welche Fehler sie steht. Sein erstes Mal, seine Highschool-Freundin, Danielle, Rays Gespielinnen, Howies Zorn, die Mädchen im Leichenschauhaus. Die Toten und die Vermissten, die aus seinem Unterbewusstsein aufsteigen und ihn auf seltsame Weise am Leben halten.“ (S. 164 f.)
Nach „Killzone“ und „Schmerz“ liegt mit „Der Geruch von Blut“ der dritte Titel des amerikanischen Autors Tom Piccirilli vor, der mit seiner eindringlichen Sprache einen in jeder Hinsicht gebrochenen Mann beschreibt, der einfach nicht zur Ruhe kommt. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau und dem Verlust seines Sehvermögens rauben ihm die Dämonen von damals, als Finn noch beruflich die Unschuldigen zu schützen versuchte, die letzten Nerven. Erst spät fügen sich für den Leser die Bruchstücke aus Träumen und Erinnerungen zu einem bedrohlichen Puzzle zusammen, das unweigerlich weitere Tote und Misshandelte zur Folge haben wird. Piccirilli zieht den Leser mit seiner poetischen Sprache schnell in den Bann und zeichnet auf spannende Weise das Psychogramm etlicher gescheiterter Lebensentwürfe.

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