Ray Bradbury – „S Is For Space“

Samstag, 3. Januar 2026

(Knaur, 284 S., Pb.)
Ray Bradbury (1920-2012) zählte zu den einflussreichsten und begnadetsten Schriftstellern seiner Zeit und lieferte beispielsweise mit seinem Roman „Fahrenheit 451“ einen Klassiker der Science-Fiction, der noch immer zur Standard-Schullektüre zählt. Vor allem mit unzähligen, bei Diogenes erschienenen Story-Sammlungen wie „Medizin für Melancholie“, „Die goldenen Äpfel der Sonne“, „Die Mechanismen der Freude“, „Der illustrierte Mann“ und „Familientreffen“ ist Bradbury auch einem deutschsprachigen Publikum ans Herz gewachsen. 1966 veröffentlichte Bradbury mit „S Is For Space“ einen Nachfolger für seine Story-Sammlung „R Is For Rocket“ und versammelte darin einige seiner besten bis dato erschienene Geschichten. 2017 legte Knaur diese mit einem schönen Vorwort des Autors versehene Sammlung erstmals in deutscher Sprache vor. Einen Nachweis über die ursprünglichen Veröffentlichungen der einzelnen Geschichten bleibt die Zusammenstellung allerdings schuldig. 
„Stunde Null“ erzählt von kleinen Kindern unter zehn Jahren, die Invasion „spielen“ wollen, aber still und heimlich und von den Erwachsenen kaum wahrgenommen tatsächlich die Dinge nach ihren Vorstellungen in die Hand nehmen…
In „Der Mann“ landet Captain Hart mit seiner Crew auf einem fernen Planeten und wundert sich, dass kein Empfangskomitee mit Blaskapelle bereitsteht. Dabei sind die Straßen voller Menschen, nur interessieren sie sich nicht die Bohne für die Neuankömmlinge aus dem Weltall. Der Bürgermeister versucht Hart zu erklären, dass die Ankunft eines weit berühmteren Mannes die Aufmerksamkeit der Bürger ganz für sich beansprucht…
„Auf den Schwingen der Zeit“ handelt von einer Exkursion, die Mr. Fields mit seinen Schülern in einer Zeitmaschine ins Jahr 1928 unternimmt, um das Verhalten der historischen Menschen zu studieren. Allerdings hat der Besuch eines Zirkus unerwartete Folgen…
In „Der Spaziergänger“ macht sich Leonard Mead im Jahr 2053 allein auf einen Spaziergang durch die leeren Straßen, bis er von einer Polizeistreife angehalten wird, denen Mead Rechenschaft darüber ablegen muss, dass er als Schriftsteller keinem Beruf nachgeht, sondern nur spazieren ist, worauf die Polizisten ihn ins Psychiatrische Zentrum bringen wollen…
In „Feuersäule“ ersteht William Lantry (Geboren 1898 – Gestorben 1933) im Jahr 2349 aus seinem Grab auf. Auf dem letzten Friedhof der Welt werden gerade die letzten Gräber geleert. Mit Schrecken stellt er fest, dass er der letzte Tote auf der Welt ist. Natürlich sterben die Menschen noch immer, aber sie werden am Ende ihrer Tage einfach in einer Verbrennungsanlage entsorgt. Als er den Totengräbern bei der Arbeit zusieht und zuhört, reift in ihm ein Plan…

„Ihr habt die Grabsteine wie Zähne aus dem Boden gezogen, dachte er. Jetzt werde ich einen Weg suchen, eure Säulen zu Staub zu zerstoßen. Ich werde Tote erschaffen und somit mir Freunde machen. Ich will nicht mehr allein und einsam sein. Ich muss sogleich damit beginnen, Freunde anzufertigen. Noch heute Nacht.“ (S. 79)

Wer mit Ray Bradbury und seinem wunderbaren Werk vertraut ist, wird nicht unbedingt auf diese Sammlung einiger seiner bekanntesten Geschichten nicht unbedingt zurückgreifen müssen, doch als Einstieg in die einzigartige Poesie, die der bis heute so einflussreiche Autor sein Eigen nennt, ist „S Is For Space“ wunderbar geeignet, auch wenn hier nicht unbedingt seine besten und erinnerungswürdigsten Geschichten versammelt sind. Bradburys Geschichten leben von Menschen, die in ungewöhnlichen Situationen – oft in der Zukunft und auf dem Mars angesiedelt – mit ungewöhnlichen Ereignissen konfrontiert werden, sei es mit der Einsamkeit oder unbekannten Spezies. Auch wenn Bradbury dabei sogar gelegentlich in gruselige Sphären abdriftet und dunkle Triebe gelegentlich für krasse Pointen sorgen, überwiegen doch die warmherzigen, poetischen Töne, für die Bradbury zurecht so berühmt geworden ist.

 

Jo Nesbø – „Minnesota“

Donnerstag, 1. Januar 2026

(Ullstein, 408 S. HC)
Seit Ende der 1990er Jahre hat der norwegische Musiker und Schriftsteller Jo Nesbø bereits dreizehn Romane um den alkoholkranken, alleinstehenden Hauptkommissar Harry Hole veröffentlicht, sich aber immer wieder die Zeit genommen, für sich allein stehende Geschichten zu erzählen. Besonders gut gelungen ist ihm das mit seinem neuen Roman „Minnesota“.
Der Norweger Holger Rudi reist im September 2022 nach Minneapolis, um für sein True-Crime-Buch mit dem Arbeitstitel „Der Rächer von Minneapolis“ zu recherchieren. Dabei geht es um eine Reihe von Morden aus dem Jahr 2016, die mit dem Attentat auf den Waffenhändler Marco Dante begannen, der ironischerweise mit einem von ihm gekauften Gewehr der Marke M24 angeschossen wurde. Bob Oz vom MPD, der von seinen Kollegen „One-Night-Bob“ genannt wird, weil er nach auch nach noch nur so kleinen Erfolgen nahezu immer mit einer Frau an seiner Seite aus der Bar ging, wo er mit seinen Kollegen abhing, wird von seinem Commander Walker mit den Ermittlungen betraut, als er in einer Bar in Dinkytown gerade mit der Bardame Liza anzubändeln versucht. Doch der Täter hat es auf weitere kriminelle Subjekte abgesehen. Eine Spur führt zu Town Taxidermy, wo der mutmaßliche Verdächtige Tomas Gomez bei dem Inhaber Mike Lunde die Konservierung eines Tieres in Auftrag gegeben hatte. Je weiter die Ermittlungen voranschreiten und Gomez seinen Verfolgern stets nur einen Schritt voraus zu sein scheint, desto mehr erhärtet sich der Verdacht, dass Bürgermeister Kevin Patterson, der in Kürze eine Rede eine Rede vor 60.000 Menschen zur Versammlung der NRA (National Rifle Association) halten soll, das nächste Opfer des Killers sein könnte…

„Die Zeit war vorbei. Jetzt sollten sich die anderen fürchten. Mein schneller Puls verriet mir nur, dass ich lebte, dass ich etwas fühlte… zum ersten Mal seit Langem. Was ich tat, war gefährlich, angenehm gefährlich. Gleichzeitig beunruhigte mich etwas, dass ich das Ganze etwas spannender machte, als es sein musste. Als wollte irgendetwas in mir ihnen eine Chance geben, mich aufzuhalten. Aber wollte ich das? Natürlich nicht.“ (S. 216)

Auch wenn Jo Nesbø seinen neuen Roman in den USA ansiedelt, hat er selbst doch nichts mit seinen US-amerikanischen Kollegen im Thriller-Genre gemein. Das wird bereits in den ersten Kapiteln deutlich, die sich nicht nur durch die Zeitsprünge aus dem Jahr 2022 ins Jahr 2016, sondern durch die Perspektive des Ich-Erzählers auszeichnen, der jetzt ein Schriftsteller ist, damals aber der Killer auf einer Rachemission. Dazwischen wird in der dritten Person von den Ermittlungen der Beamten des Minneapolis Police Department geschrieben, vor allem von Bob Oz, der den Unfalltod seiner Tochter vor drei Jahren und die Trennung von seiner Frau Alice, die nun ein Kind von einem neuen Mann erwartet, noch nicht richtig verarbeitet hat. Er kann sich gut in den Täter hineinversetzen, der offenbar ein ähnliches Trauma erlitten hat und nun systematisch gegen die vorgeht, die diese Tragödie seiner Meinung nach mitverantwortet haben.
Nesbø nimmt sich genügend Zeit, um die Wunden in den Seelen seiner Figuren zu erkunden, lässt so tatsächlich Mitgefühl für die Motivation des Täters entstehen, dessen Handeln stets abwechselnd mit den Ermittlungen von Bob Oz und seinen Kolleg:innen Kay Meyers und Olav Hanson geschildert wird. Das sorgt für Tempo und Abwechslung, macht die Katz-und-Maus-Jagd ebenso spannend wie unberechenbar, denn Nesbø führt vor allem seine Leserschaft am Ende gekonnt in die Irre.
„Minnesota“ ist ein ungewöhnlicher Thriller, der das Zeug zum Auftakt einer neuen Serie hätte, wobei vor allem die vom Leben gezeichneten Figuren interessant sind.  

Ray Bradbury – „Der Tod kommt schnell in Mexiko“

Montag, 15. Dezember 2025

(Diogenes, 310 S., Tb.)
Ray Bradbury ist zwar vor allem für Science-Fiction-Klassiker wie „Fahrenheit 451“, „Die Mars-Chroniken“ und „Der illustrierte Mann“ ebenso wie für seine Gruselgeschichten wie „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“, „Geisterfahrt“ und „Halloween“ bekannt, doch hat er seine schriftstellerische Laufbahn in den 1940er Jahren mit Kriminalgeschichten begonnen, die im Geiste seiner populären Vorbilder Dashiell Hammett, Raymond Chandler und James M. Cain begonnen, wobei ihm Leigh Brackett eine wertvolle Mentorin gewesen ist, wie Bradbury in seinem Vorwort zur Geschichtensammlung „Der Tod kommt schnell in Mexiko“ beschreibt. Hier finden sich fünfzehn oft bereits bemerkenswert einfallsreiche Geschichten, die Bradbury in seinen Zwanzigern schrieb, erstmals in einem Band vereint.
In „Ein kleiner Mörder“ wird das Ehepaar Alice und David Leiber mit der Geburt ihres Kindes konfrontiert, mit dem sich Alice nicht anfreunden mag. Tatsächlich glaubt sie, dass der Junge sie umzubringen versucht. Als sie tatsächlich nach einem Sturz von der Treppe tödlich verunglückt, ist auch David beunruhigt…
„Der Tod eines vorsichtigen Mannes“ erzählt von einem Mann namens Rob, der als Bluter besondere Vorkehrungen getroffen hat, um nicht bei kleinsten Unfällen zu verbluten, so wie es seinem Vater ergangen ist, als er nach einem Schnitt in den Finger auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb. So trägt er immer ein Röhrchen mit Blutgerinnungstabletten mit sich. Allerdings schreibt er gerade einen biografisch gefärbten Roman, der bei zwei seiner Bekannten gar nicht gut aufgenommen werden würde. Dass er nun Päckchen mit Rasierklingen in einer ausgeklügelt konstruierten Falle erhält, lässt sein Alarmsystem klingeln. Tatsächlich sind Robs Gegner gerissener, als er sich in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann…
Die Geschichte „Kleine Flocken grauer Asche“ ist aus der Perspektive eines gerade ermordeten Mannes geschrieben, der das Gewusel der Leichenbeschauer, Reporter und Detektive beschreibt.
Der Detektiv Douser Mulligan ist der Protagonist der beiden Geschichten „Ein Abend für zwei“ und „Begräbnis für vier“.
In „Ein Zirkus voller Leichen“ werden die siamesischen Zwillinge Raoul und Roger getrennt, nachdem Roger ermordet worden ist. Da Raoul nun keine Attraktion mehr für den Zirkus darstellt, muss er sich zunächst mit niederen Arbeiten abgeben. Allerdings steht der Verdacht im Raum, dass er seinen Bruder loswerden wollte, um endlich frei zu sein.
„Eine halbe Stunde in der Hölle“ erzählt die Geschichte eines merkwürdigen Mordes. Lieutenant Chris Priory muss ergründen, warum der ermordete Mr. Caldwell eine halbe Stunde lang um sein Leben kämpfen musste, obwohl er blind war und deshalb ein leichtes Opfer für seinen Mörder gewesen war…
Eigentlich ist die Ehe des Büroangestellten Charlie Guidney und seiner Lydia am Ende. Dennoch hofft er, mit ihr neu anfangen zu können, und erzählt ihr in „Ein langer Weg nach Hause“ davon, wie er seinen Chef Mr. Sternwell umgebracht habe, weil dieser ihn mal wieder so laut angebrüllt hätte. Nun müssten sie fliehen, und Lydia soll die Fahrkarten für die Zugreise in eine glorreichere Zukunft besorgen. Doch ein Schuss aus einer Waffe beendet diese Träume für immer und stürzt Guidney ins Chaos…
In „Totenwache für einen Lebenden“ macht es sich Richard Braling in einem Sarg mit Glasdeckel bequem ist zunächst nicht weiter beunruhigt, dass sich der Deckel nicht wieder öffnen lässt.
Und in „Gestern habe ich noch gelebt“ erinnert sich Cleve Morris an die verstorbene Schauspielerin Diana Coyle, die von allen wegen ihrer Schönheit geliebt oder gehasst worden war.

„Sie war der schönste Mensch, der je gestorben war. Ihr silbernes Abendkleid bildete einen kleinen Teich um sie. Ihre Fingernägel waren fünf feuerrote Käfer, die schimmernd und tot auf jeder Seite ihres hingesunkenen Körpers lagen. All die heißen Scheinwerfer sahen herunter und gaben ihr Bestes, sie warm zu halten; und sie erkaltete doch, rasend schnell. Mein Blut auch, dachte Cleve. Haltet mich warm, Scheinwerfer! Der Schock hielt alle in seinem Bann wie auf einem Szenenfoto.“ (S. 245)

Auch wenn Ray Bradbury zum Beginn seiner Karriere noch nicht seinen ganz speziellen, verzaubernden Ton gefunden hat, beweist die erst 1984 von ihm veröffentlichte Sammlung „A Memory of Murder“, dass sein Talent für ungewöhnliche Geschichten nicht nur Krimi-Fans zu beeindrucken verstand, sondern auch die Atmosphäre der goldenen Hollywood-Ära und ein Faible für freakige Elemente einzufangen vermochte. Insofern stellt „Der Tod kommt schnell in Mexiko“ (mit der stimmungsvoll fesselnden Titelgeschichte zum Schluss) eine wundervolle Zusammenstellung von Bradburys früh gereiften schriftstellerischen Talents dar, das sich in den folgenden Jahren zunehmend der Science-Fiction und dunklen Fantasy zuwenden sollte.

 

Jon Fosse – „Vaim“

Sonntag, 14. Dezember 2025

(Rowohlt, 160 S., HC)
2023 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet, ist der norwegische Schriftsteller Jon Fosse vor allem durch seine Romanzyklen „Trilogie“ und „Heptalogie“ bekannt geworden. Nun ist sein neues Buch erschienen, der gerade mal 160 Seiten umfassende Roman „Vaim“, der den Auftakt einer neuen Trilogie bildet.
Früher hat Jatgeir mit seiner Schnigge, die er nach der Frau, die er seit seiner Jugend – unerwidert und unbemerkt - geliebt hat, Eline getauft hat, häufiger Ausflüge nach Bjørgvin unternommen, meist zum Vergnügen, und machte es sich im Fogel bei ein paar Frikadellen, in Der Markthalle, im Letzten Boot oder in Der Kaffeestube gemütlich, stets in der Hoffnung, vielleicht eine Frau kennenzulernen, die er auch lieben kann. Doch jetzt treibt ihn nur die Notwendigkeit an, Nadel und Faden zu kaufen, um einen Knopf anzunähen. Hier in Vaim war das bestimmt nicht aufzutreiben. Umso größer ist der Schock, als er zwar fündig wird, aber zweihundertfünfzig Kronen bezahlen soll. Nach diesem Betrug ist ihm die Großstadt endgültig zuwider geworden. Frustriert macht Jatgeir noch auf einer Insel Halt, um noch einmal die gleiche Enttäuschung zu erleben. Als er sich um fünfhundert Kronen erleichtert, aber um zwei Nadeln und etwas Garn reicher wieder auf den Weg machen will, hält ihn ausgerechnet Eline auf, die einen Fischer geheiratet hat und zu ihm auf die Insel gezogen ist. Nun will sie ihn verlassen, hat ihm einen Brief zurückgelassen und taucht nun mit einem Koffer in der Hand vor Jatgeirs Boot auf:

„Da Eline meinen Namen klar und deutlich gesagt hatte, war ich jetzt wohl damit dran, klar und deutlich ihren Namen zu sagen und ich nahm irgendwie meinen Mut zusammen und dann sagte ich laut und deutlich Eline und ich konnte nichts dafür, aber in meiner Stimme lag eine zitternde Liebe, oder eine Sehnsucht, es war, als hätte ich bittend den Namen Eline gesagt, und das war absolut nicht meine Absicht gewesen, es war einfach so, ich konnte nichts dafür, so viel Sehnsucht, so viele Jahre voller Sehnsucht, hatte sich wohl in mir angesammelt, dass ich sie nicht hatte zurückhalten können…“

Der ist zunächst ganz berauscht von seinem Glück, aber als langjähriger Junggeselle auch unsicher, ob er auf einmal mit einer Frau zusammenleben will…
Die erste Hälfte, die der Ich-Erzähler Jatgeir einnimmt, wirkt wie eine fast schon klassische Liebesgeschichte, wäre da nicht dieser besondere sprachliche Rhythmus, mit dem der an sich schmale Plot in einem einzigen Satz geformt wird. Es braucht allerdings auch diese Form des sprachlichen Ausuferns, um die feinsinnigen Nuancen der Absurdität des Ganzen einzufangen, denn in der ersten Hälfte des Buches geht es um nicht mehr als das stürmische Wiedersehen von Jatgeir und seiner geliebten Eline, angereichert um die amüsante Episode des doppelt ernüchternden Einkaufs von Nadel und Faden. Während aber alles darauf abzuzielen scheint, wie die zuvor nur von Jatgeir erträumte Beziehung mit Eline nach dem unverhofften Wiedersehen verläuft, wird überrascht sein, dass zwei weitere Männer zu Wort kommen, deren Schicksal mehr oder weniger lose mit Jatgeir und Eline verbunden ist. Spätestens hier wird deutlich, dass die Männer zwar das Wort haben, Eline aber die tatkräftige Person ist, die das Leben der drei Männer auf den Kopf stellt. Zusammen mit dem hypnotischen Sprachfluß und -Rhythmus ergibt sich eine fast schon mystisch geheimnisvolle, humorvoll vertrackte Geschichte über das Meer und die Einsamkeit, über Liebe, Glauben, Leben und Tod, die lange nachhallt. 

Mick Herron – (Jackson Lamb: 8) „Bad Actors“

Samstag, 13. Dezember 2025

(Diogenes, 460 S., Pb.)
Mit seiner Reihe um die in Ungnade gefallenen Geheimdienst-Agenten, die vom Regent’s Park ins sogenannte Slough House abgeschoben worden sind, hat der britische Autor Mick Herron schnell eine äußerst beliebte Nische im Genre des Spionage-Thrillers gefunden, da er jenseits von Blockbuster-affiner Action à la James Bond und Jason Bourne vor allem auf den trockenen britischen Humor setzt, der mittlerweile mit dem Titel „Slow Horses“ auch als Streaming-Serie auf Apple+ für Furore sorgt. Mit „Bad Actors“ ist nun schon der achte Band erschienen.
Doktor Sophie de Greer ist mit einem Schweizer Pass ausgestattet und als sogenannte „Superforecasterin“ unentbehrlich geworden in der Downing Street Nr. 10, wo Anthony Sparrow als gut vernetzter Politikberater die Strippen zieht, für die der (namentlich nicht genannte) Premierminister die Lorbeeren einheimsen darf. Dass de Greer seit drei Tagen spurlos verschwunden zu sein scheint, sorgt für Unruhe im politischen Machtzentrum, denn die junge Dame weiß ziemlich genau vorauszusagen, was für eine Stimmung im Lande gegenüber bestimmten politischen Entscheidungen vorherrscht. Sparrow setzt Oliver Nash auf den Fall an, der als Vorsitzender des Aufsichtskomitees über den Geheimdienst Ihrer Majestät, herausfinden soll, ob de Greer womöglich dem berüchtigten, wenn auch absolut inoffiziellen Waterproof-Protokoll zum Opfer gefallen sein könnte, bei dem unliebsame Personen – „Bad Actors“ nicht wie normale Kriminelle behandelt wurden, sondern im Gewahrsam des Geheimdienstes auf Nimmerwiedersehen in osteuropäischen Gefängnissen verschwanden. Nash nimmt daraufhin Kontakt zu Claude Whelan auf, der als geschasster Ex-Chef des MI5 ein besonderes Interesse daran hat, seine Nachfolgerin und Intimfeindin Diana Taverner hängen zu sehen. Nach einem Treffen in ihrem Büro bekommt er einen USB-Stick mit den Telefondaten der verschwundenen Beraterin ausgehändigt, woraus ersichtlich wird, dass de Greers letzter Anruf direkt zu Jackson Lamb führte. Der ist nach wie vor damit beschäftigt, seine Slow Horses Catherine Standish, Roddy Ho, Louisa Guy, Ashley Khan und Lech Wycinski mit seinen Fürzen zu traktieren, während Shirley Dander in einem teuren Sanatorium ihre Suchtprobleme in den Griff zu bekommen versucht. Als Taverners Amtskollege aus Russland, Rasnokow, überraschend bei einem offiziellen Empfang auftaucht und das San, in dem Shirley untergebracht ist, zu einer Action-Hochburg avanciert, zeigt vor allem der alte Hase Jackson Lamb, was in ihm steckt…

„Wer auch immer Sophie de Greer war, sie bewegte sich in der Welt der Schimpansenpolitik, in der immer der fieseste Affe das Sagen hatte. Anthony Sparrow war, trotz seines Aussehens, derzeit King Kong, was de Greer zur hilflosen weißen Frau machte. Wenn sie Verbindungen zum Kreml hatte, wusste Sparrow entweder nichts davon, oder er wusste es und würde es keinesfalls zulassen, dass sich jemand näher damit beschäftigte. Wahrscheinlich würde er sich sogar auf die Brust trommeln und mit Fäkalien um sich werfen. Aber so war das Leben in Slough House: Man ergriff jede Gelegenheit für etwas Ablenkung und ließ sich unter keinen Umständen davon abhalten.“ (S. 201)

Mick Herrons Einfallsreichtum lässt auch im achten Abenteuer seiner Slow Horses nicht nach. Geschickt lässt er im Großbritannien der Post-Brexit-Katastrophe vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Europa und Russland eine zunächst harmlos anmutende Suche nach einer verschwundenen Frau aus dem Mitarbeiterstab des Premierministers zu einer wilden Agentenhatz ausarten, bei der Shirley Dander ihre Aggressionen und Nahkampfkünste ebenso ausspielen darf wie Jackson Lamb seine widerlichen Angewohnheiten, sich vor Publikum überall zu kratzen, Kette zu rauchen, zu furzen, zu rülpsen und sich über das Essen anderer Leute herzumachen. Doch wieder einmal trügt der Schein, und der Leiter von Slough House erweist sich vor allem im Duett/Duell mit Diana „Lady Di“ Tavener als blitzgescheiter Agentenführer. Bis zur Auflösung des ganzen Schlamassels bekommt die Leserschaft wie gewohnt pointiert witzige Dialoge, interessante Nebenplots und wilde Action geboten, dass es eine Freude vor allem für Fans der Romanreihe ist, denn die einzelnen Figuren werden nicht mehr in Gänze ausführlich vorgestellt. Wer knifflige Agenten-Plots mit etwas Action und ganz viel britischem Humor sucht, wird auch mit dem achten Jackson-Lamb-Band bestens bedient.

Robert McCammon – (Matthew Corbett: 1) „Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal“ - Band I & II

Samstag, 22. November 2025

(Luzifer, 514 + 432 S., HC)
In den 1980er Jahren zählte Robert R. McCammon mit Romanen wie „Baal“, „Höllenritt“, „Wandernde Seelen“, „Nach dem Ende der Welt“ und „Botin des Schreckens“ noch zu den populäreren Vertretern des von Stephen King, Dean Koontz, Peter Straub, James Herbert, Clive Barker und Ramsey Campbell geprägten Horror-Genres, doch fühlte er sich zunehmend in seiner schriftstellerischen Freiheit eingeschränkt, weshalb er nach den beiden Thrillern „Durchgedreht“ und „Unschuld und Unheil“ eine langjährige Pause einlegte. Anfang der 2000er Jahre legte McCammon mit dem ersten Band um den jungen Gerichtsdiener und Hobby-Ermittler Matthew Corbett ein ebenso bemerkenswertes wie umfangreiches Comeback hin, denn die deutsche Ausgabe von „Speaks the Nightbird“ erschien im Luzifer Verlag in zwei Bänden: „Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal“.
Der fahrende Friedensrichter Isaac Woodward und sein zwanzigjähriger Gerichtsdiener Matthew Corbett, den er vor einigen Jahren in einem Waisenhaus aufgelesen hat, machen sich 1699 von Charles Town, Carolina, auf den beschwerlichen Weg nach Fount Royal, um einer mutmaßlichen Hexe den Prozess zu machen, nachdem der zuvor mit der Aufgabe betraute Richter Kingsbury sein Ziel nie erreicht hatte. Als sie unterwegs bei unwirtlichem Wetter eine Herberge finden, währt die Erleichterung nur kurz, denn der habgierige Wirt Shawcombe entwendet nicht nur Woodwards innig geliebte goldbestickte Weste, die sein einziges Andenken an seine in England verbliebene Ex-Frau Ann gewesen ist, sondern macht sich auch mit dem Rest der Habseligkeiten seiner Gäste aus dem Staub. Als Matthew im nahegelegenen Wald die Überreste eines menschlichen Skeletts entdeckt, ahnt er, dass sein Vormund und er selbst nur knapp einem ähnlichen Schicksal wie Richter Kingsbury entgangen sind. Als sie in endlich in Fount Royal ankommen, werden sie in ihrer verwahrlosten Erscheinung zunächst für Bettler gehalten, ehe sie beim wohlhabenden Gründer der Stadt, dem 47-jährigen Robert Bidwell, unterkommen. Er ist wie viele andere Bewohner der unglückseligen Stadt darauf erpicht, dass die inhaftierte Rachel Howarth möglichst schnell auf dem Scheiterhaufen verbrennt, bevor sie noch mehr Unheil in der Stadt anrichtet. Ihr wird nicht nur vorgeworfen, ihren Mann ermordet zu haben, sondern etliche Zeugen wollen auch beobachtet haben, wie die 26-jährige Schönheit mit portugiesischen Wurzeln Unzucht mit dem Teufel trieb. Der Richter wird jedoch bald von einem schrecklichen Fieber ergriffen, das Dr. Shields nicht so recht in den Griff bekommt, und Matthew wird des Hausfriedensbruchs angeklagt, nachdem er einen Jutesack in der Scheune des Schmieds untersuchen wollte. Die dreitägige Gefängnisstrafe nutzt er nicht nur, um die Aussagen der Zeugen für den angeschlagenen Richter zu protokollieren, sondern sich näher mit der intelligenten und selbstbewussten Mitgefangenen zu beschäftigen. Während der Richter ebenso wie die Bewohner von Fount Royal schon dazu neigt, Rachel Howarth zu verurteilen, stellen sich Matthew noch viele Fragen…

„Also, war sie eine Hexe oder nicht? Obwohl Matthew diverse gelehrte Werke gelesen hatte, in denen Hexerei mit Geistesgestörtheit, Dummheit oder ganz einfach boshaften Beschuldigungen erklärt wurde, konnte er es beim besten Willen nicht sagen. Und das machte ihm mehr Angst als alle Zeugenaussagen, die er gehört hatte. Aber sie ist so schön, dachte er. So schön und so allein. Wie konnte der Teufel eine solch schöne Frau durch Menschenhand sterben lassen, wenn sie ihm tatsächlich diente? Über Fount Royal grollte der Donner. Regen begann, an einem Dutzend mürber Stellen durch das Gefängnisdach zu tropfen. Matthew lag zusammengerollt in der Dunkelheit und kämpfte mit der zentralen Frage eines Geheimnisses, das von einem noch größeren Rätsel umgeben war.“ (S. 409)

So ganz hat Robert McCammon die Wurzeln seiner schriftstellerischen Karriere doch nicht verleugnen können, auch wenn der erste Band der Matthew-Corbett-Reihe eher als historischer Mystery-Krimi und Entwicklungsroman daherkommt. Der Autor nimmt sich viel Zeit, um das Leben in den britischen Kolonien anno 1699 zu beschreiben, das gesellschaftliche Gefüge ebenso wie die Gepflogenheiten, rassistischen Ressentiments und der besondere Umgang mit dem Glauben. Die Hexenprozesse von Salem finden hier ihren Niederschlag genauso wie heuchlerische Wanderprediger, die sich weniger um die Erlösung der Gefallenen scheren als um die eigene lasterhafte Bedürfnisbefriedigung. 
McCammon beschreibt dabei den in den Augen der Bewohner von Fount Royal verabscheuungswürdigen Verkehr der mutmaßlichen Hexe mit dem Teufel ebenso unverblümt wie sodomitische Praktiken. Die Spannung entwickelt sich dabei eher gemächlich, weil sich McCammon viel Zeit nimmt, die einzelnen Figuren sorgfältig einzuführen und die unterschiedlichen Auffassungen von Richter Woddward und seinem eigensinnigen Mündel darzulegen. Am Ende des ersten Bandes ist man zumindest überzeugt, dass Rachel Howarth unschuldig ist, aber noch muss Matthew Corbett beweisen, was die Zeugen, die auf die Bibel geschworen haben, zu ihren die junge Frau belastenden Aussagen bewogen hat.  
McCammon ist ein sprachlich sehr versierter literarischer Genre-Mix gelungen, der vor allem den titelgebenden Protagonisten nicht unverändert lässt. Man darf gespannt sein, wie der Autor die atmosphärisch dichte Geschichte fortführt und zum Ende kommen lässt. Der zweite Band vermag diese Spannung nicht bis zum Ende aufrechtzuerhalten, dafür verlegt McCammon die Handlung auch mal aus Fount Royal hinaus, um im Finale in bester Agatha-Christie-Manier die Morde in der eigentlich dem Untergang geweihten Stadt detailliert aufzuklären.

Robert R. McCammon – „Stadt des Untergangs“

Montag, 17. November 2025

(Knaur, 544 S., Tb.)
Eigentlich ist Robert McCammon mit Romanen wie „Blutdurstig“, „Wandernde Seelen“, „Nach dem Ende der Welt“ und „Das Haus Usher“ bekannt geworden und zumindest in zweiter Reihe nach den Stars der Horror-Szene wie Stephen King, Clive Barker, Peter Straub und Dean Koontz auch hierzulande geschätzt worden. Und irgendwann kam ihm – wie King, Barker und Straub – auch die Idee, sich im komprimierten Format der Kurzgeschichte auszuprobieren. „Stadt des Untergangs“ wartet mit insgesamt dreizehn Geschichten auf, von der die eröffnende, in der Originalausgabe titelgebende Story „Blue World“ mit gut 240 Seiten schon einem Kurzroman nahekommt und fast die Hälfte des Buches einnimmt. 
Darin macht der dreiunddreißigjährige Pfarrer John Lancaster im Beichtstuhl die Bekanntschaft der Porno-Darstellerin Debra Rocks, die ihre Trauer über den Mord an ihrer Freundin und Kollegin Janey alias Easee Breeze zum Ausdruck bringt. Der Pfarrer ist ebenso erregt wie verstört über dieses Bekenntnis und versucht, mehr über diese attraktive Frau mit der sinnlichen Stimme zu erfahren, leiht sich einige Filme mit Debra Rocks aus und ist fortan wie besessen von der Idee, diese Frau näher kennenzulernen. Als er in einem Supermarkt mit ihr zusammenstößt, begleitet er sie nach Hause und stellt sich ihr als Lucky vor. Er hat ihr nicht nur zu einem Gewinn in dem Supermarkt verholfen, sondern soll sie nun auch als Glücksbringer nach Hollywood begleiten, wo sie als seriöse Schauspielerin Fuß fassen will. Doch Lucky/John ist nicht der Einzige, der einen Narren an Debra gefressen hat, auch Janeys Mörder hat die Witterung aufgenommen…
In der sehr kurzen Titelgeschichte der deutschen Ausgabe wacht Brad nach einem Albtraum am Samstagmorgen auf und findet erst im Bett seiner Frau ein Skelett, dann die Stadt verlassen vor. „Des Teufels Wunschzettel“ stellt eine klassische Pakt-mit-dem-Teufel-Story dar, mit „Maske“ taucht McCammon in die klassische Universal-Horror-Ära der 1930er Jahre ein, um dann mit „Nacht ruft grünen Falken“ einen alternden Fernsehstar neuen Mut fassen lässt, als er sein altes Superhelden-Kostüm überstreift, um einen Serienkiller zu stoppen. Mit „Schattenjäger“ werden die Albträume eines Kriegsveteranen real, in „Das rote Haus“ kämpft der Ich-Erzähler gegen die Durchschnittlichkeit eines gewöhnlichen Lebens an…

„Und in diesem Moment dachte ich an Zahnräder. Millionen und Abermillionen von Zahnrädern, die auf diesem Fließband entlangliefen, alle haargenau gleich. Ich dachte an die Betonmauern in der Fabrik. Ich dachte an die Maschinen und ihren unablässigen, pochenden, verdammenden Rhythmus. Ich dachte an den Käfig aus grauen Schalbrettern, betrachtete das verängstigte Gesicht meines Dads in dem orangefarbenen Licht und erkannte, dass er Angst vor dem hatte, was außerhalb der grauen Schalbretter lag – Möglichkeiten, Alternativen, Leben. Er hatte eine Todesangst, und in diesem Moment wusste ich, dass ich nicht der Sohn meines Vaters sein konnte.“ (S. 468)

Mit der Geschichtensammlung „Stadt des Untergangs“ beweist Robert McCammon, dass er nicht nur fesselnde Horrorromane schreiben kann, sondern das Grauen auch in kürzeren Formaten einzufangen versteht, von der klassisch knackigen Short Story bis zur atmosphärisch dichten Novelle. Die Ideen in dieser Sammlung mögen nicht alle besonders originell sein, dafür hat McCammon die sprachliche Virtuosität, um auch vertrautere Stoffe unterhaltsam zu vermitteln. 

 

Simon Beckett – (David Hunter: 3) „Leichenblässe“

Samstag, 15. November 2025

(Wunderlich, 416 S., HC)
Als Simon Beckett 2006 mit „Die Chemie des Todes“ den ersten Fall um den forensischen Anthropologen David Hunter präsentierte, sorgte schon die schlichte Cover-Gestaltung für Aufsehen, aber ein wenig sorgfältig konstruierte Thriller-Spannung gehörte natürlich auch dazu, um einen regelrechten Hype um den Roman zu entfesseln. Nach „Kalte Asche“ (2007) folgte 2009 mit „Leichenblässe“ bereits der dritte Band, doch allmählich machten sich erste Abnutzungserscheinungen bemerkbar.
Der forensische Anthropologe David Hunter leidet noch unter den – durch eine Narbe auch sichtbaren - Nachwirkungen eines Angriffs durch eine Serienmörderin, so dass sein alter Mentor Tom Lieberman es für eine gute Idee hielt, Hunter nach Knoxville, Tennessee, einzuladen, um mit ihm in der schlicht als „Body Farm“ bekannten Anthropology Research Facility zu arbeiten. Kaum hat er seinen alten Freund begrüßt, wird er auch schon in einen aktuellen Fall einbezogen – sehr zum Ärger des leitenden Ermittlers Dan Gardner vom Tennessee Bureau of Investigation (TBI). In einer Ferienhütte in den Smoky Mountains entdecken die Agenten eine durch die künstliche Aufheizung stark verweste Leiche eines Mannes, der an einen Tisch gefesselt worden ist. Der als Berater hinzugezogene Psychologe Alex Irving stellt dazu die Theorie um einen sexuell motivierten Serientäter auf, doch für Gardners Mitarbeiterin Diane Jacobsen greift diese Erklärung zu kurz. Einen Hinweis zur Identifizierung des Täters könnte eine in der Hütte gefundene Filmdose mit einem klar erkennbaren Fingerabdruck liefern. Während das Opfer im Leichenschauhaus mit Hilfe von Kyle Webster, einem Assistenten des Rechtsmediziners Dr. Hicks, und Toms Studentin Summer untersucht wird, stellt sich heraus, dass die Fingerabdrücke von Willis Dexter stammen, der jedoch bereits vor sechs Monaten bei einem Autounfall starb. Bei der Exhumierung von Dexters Leiche auf dem Steeple Hill Cemetery verhält sich der Friedhofsbesitzer Eliot York so auffällig, dass er nach weiteren Morden in Verdacht gerät und dann spurlos verschwindet, ebenso wie Alex Irving. Schließlich geraten die am Fall arbeitenden Forensiker immer mehr ins Visier des gerissenen Täters…
Auch wenn man die beiden vorangegangenen Bände nicht gelesen hat, erleichtert Beckett seinem Publikum den Einstieg, indem er seinen Protagonisten David Hunter ausführlich Revue darüber passieren lässt, warum er die Reise von London nach Tennessee angetreten hat. 
Ebenso breit dargelegt werden die verschiedenen Prozesse, die bei der Verwesung eines Körpers in Gang gesetzt werden, und im Verlauf der Handlung darf der Ich-Erzähler immer wieder mit seinem profunden Wissen und aufmerksamer Beobachtungsgabe glänzen. Was den Plot reizvoll macht, sind die vom Täter interessant zur Schau gestellten Leichen und die verwirrenden Hinweise, die zu anderen Opfern führen als denen, mit denen Gardner, Lieberman, Jacobson und Hunter momentan zu tun haben. So hangeln sich die Beteiligten und die Leser an neuen Leichen und ihren Obduktionen entlang, immer mal wieder durchbrochen von den kursiv eingeschobenen Gedanken des Täters. 
Das lässt sich alles flüssig lesen, denn Beckett verwendet eine einfache Sprache, präzise Dialoge und leider auch simpel gestrickte Figuren, die nahezu alle Klischees abdecken, die im Thriller-Genre zu finden sind, den egozentrischen, zwischen Talk-Shows und unzähligen Flirts pendelnden Psychiater, den grimmigen Leiter der Ermittlungen und die leicht verunsicherte Assistentin, für die der gute Hunter allerdings etwas übrighat. Fans von James Patterson werden mit seinem britischen Pendant angenehm, aber nicht besonders originell unterhalten. Der Erfolg gibt Simon Beckett nun mal Recht…

Simon Beckett – (David Hunter: 7) „Knochenkälte“

Donnerstag, 6. November 2025

(Wunderlich, 464 S., HC)
Zwar ist der ehemalige Journalist Simon Beckett bereits seit seinem 1994 veröffentlichten Romandebüt „Fine Lines“ (dt. „Voyeur“) als Schriftsteller unterwegs, doch erst mit der 2006 gestarteten Thriller-Reihe um den britischen Forensiker David Hunter ist der in Sheffield lebende Beckett auch international bekannt geworden. Nach sechs Jahren Pause, in der mit „Die Verlorenen“ eine neue Reihe an den Start gegangen ist, erscheint nun mit „Knochenkälte“ der von Fans lang erwartete siebte Roman mit David Hunter, dessen Fälle mittlerweile auch als Serie verfilmt worden sind.
Eigentlich ist David Hunter in seiner Funktion als forensischer Berater von London gut dreihundert Meilen nach Carlisle unterwegs, um bei einer Vermisstensuche zu helfen, doch durch einen Unfall auf der Autobahn zu einem Umweg gezwungen, verfährt er sich in den Cumbrian Mountains, wo er auch keinen GPS-Empfang für sein Navi bekommt. Er landet schließlich in einer Kneipe in Edendale, wo man ihm nahelegt, die Nacht im nahegelegenen Hotel Hillside House zu verbringen. Das sogenannte Hotel entpuppt sich als heruntergekommene Bruchbude, in der Hunter der einzige Gast ist. Die nächste böse Überraschung erwartet den forensischen Anthropologen, als er am nächsten Tag seine Fahrt fortsetzen will, muss er feststellen, dass die einzige Zugangsstraße von einem Felsabgang zerstört und das winterliche Edendale von der Außenwelt abgeschnitten ist, da es so gut wie keinen Handyempfang gibt und Strom- und Telefonleitungen durch den Vorfall an der Straße ebenfalls außer Gefecht gesetzt worden sind. Zu allem Überfluss entdeckt Hunter bei einem Spaziergang zum alten Armeelager Foss Ghyll eine skelettierte Leiche. Bei der Entdeckung ist Hunter allerdings nicht allein, und schon bald macht die Neuigkeit die Runde im Dorf. Offensichtlich handelt es sich bei dem Toten um Wynn Beddoes‘ vor Jahren verschwundenen Sohn Jed, doch das ist erst der Anfang einer Reihe von erschreckenden Entdeckungen, bei denen Hunter all seine Fähigkeiten einsetzen muss, um zu erkennen, warum sich einige Familien im Dorf auf den Tod nicht ausstehen können…

„Bisher hatte alles darauf hingedeutet, dass dies nicht mehr als ein Cold Case war. Alle gingen davon aus, dass Owen Reese Jed Beddoes ermordet hatte, und sechsundzwanzig Jahre später war hier der Beweis. Nur dass Owen Reese mit dieser Aktion nichts zu tun haben konnte. Sie führte lediglich vor Augen, dass irgendwer im Dorf panisch genug war, um mitten in der Nacht eine Kettensäge auf den Berg zu schleppen, und verhindern wollte, dass die Wahrheit in einem jahrzehntealten Mordfall ans Licht kam.“ (S. 188f.)

Dass sich Simon Beckett nach „Die ewigen Toten“ etwas mehr Zeit für den nächsten David-Hunter-Thriller genommen hat, ist nur verständlich, zählte der sechste Band der Reihe um den eher zurückgezogen lebenden Forensiker zu den schwächeren Romanen des Briten. Nun galt es, vor allem die fast zuvor etwas hölzerne Charakterisierung seiner Figuren zu verfeinern und den schleppenden Spannungsaufbau zu straffen. Indem Beckett die Handlung an einem Ort stattfinden lässt, an dem durch die Verkettung unglücklicher Umstände Zufahrtswege, Strom und Telefon gekappt sind, inszeniert er ein fast schon kammerspielartiges Psychoduell zwischen den Einwohnern von Edendale auf der einen und den Dorfbewohnern und dem Eindringling Hunter auf der anderen Seite. Auch wenn Hunter viele Zufälle in die Hände spielen, gelingt es dem Autor, vor allem die Isolation in der unwirtlichen Umgebung atmosphärisch dicht einzufangen und die Spannung sukzessive zu steigern, indem Hunter erst nach und nach die Art der Beziehungen zwischen den Verdächtigen entschlüsselt. Das wirkt zum Ende hin genretypisch etwas konstruiert, aber doch glaubwürdig genug, dass „Knochenkälte“ wieder an die besseren Werke der Reihe anzuknüpfen vermag.

Thomas Pynchon – „Schattennummer“

Mittwoch, 5. November 2025

(Rowohlt, 400 S., HC))
Seit seinem 1963 erschienenen Debütroman „V.“ ist der 1937 in Glen Cove auf Long Island in New York geborene Thomas Pynchon zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der Postmoderne avanciert. Mit „Schattennummer“ präsentiert der in völliger öffentlicher Abgeschiedenheit lebende Amerikaner zwölf Jahre nach seinem letzten Roman „Bleeding Edge“ seinen wahrscheinlich letzten großen Roman und bleibt seinen Themen und vor allem seinem Stil treu.
Während Amerika 1932 von der Großen Depression erdrückt wird, aber erleichtert der Aufhebung der Prohibition entgegensieht, Al Capone seine Haftstrafe im Bundesgefängnis in Atlanta absitzt, lauscht Privatdetektiv Hicks McTaggart in Milwaukee den Gerüchten über Ehekrächen im Gangstermilieu und beschlagnahmten Spritlieferungen, die Grund für die kürzlich erfolgte Explosion in der Nähe gewesen sein könnten. Als Hicks bei Unalmagamated Ops von seinem Chef Boynt Crosstown den Auftrag bekommt, die Tochter des im Exil lebenden Multimillionärs Bruno Airmont zurückzuholen, hat er auch ein persönliches Interesse an der Sache, schließlich hatte Hicks mit der Tochter des „Al Capone des Käses“ eine sehr kurze Liaison. Nun soll die junge, in wohlhabenden Verhältnissen verlobte Frau mit dem Klarinettisten einer Swingband durchgebrannt sein. Doch ehe er sich versieht, wacht Hicks auf einem Ozeandampfer auf und landet schließlich in Ungarn, wo er nicht nur Probleme mit der Sprache hat, sondern schnell Bekanntschaft mit dubiosen Nazis, sowjetischen und britischen Spionen, aber auch Vampiren und schönen Frauen macht.

„Hicks könnte darauf hinweisen, dass stillzusitzen und sich eine Geschichte anzuhören nicht immer das Gleiche ist, wie darauf hereinzufallen, aber er sieht keinen Anlass, eine Auseinandersetzung anzufangen, denn sie ist ihm keineswegs fremd, die altehrwürdige Übung, die Männer seit Anbeginn der Welt durchzustehen haben: begehrenswerten Frauen zuzuhören, während sie sich endlos über die Geschichte ihres Liebeslebens auslassen, dies alles in der wenn auch geringen Hoffnung, hier und jetzt in der fröhlich klimpernden Währung ausgelassener Zweisamkeit dafür entschädigt zu werden.“

Während Thomas Pynchon schon von Beginn an vor allem seine sprachliche Virtuosität ins Spiel bringt, lässt er sein Publikum zunächst im Glauben, mit dem Protagonisten ein skurriles Abbild von lakonisch zynischen Privatdetektiven wie Philip Marlowe, Sam Spade oder Lew Archer vor sich zu haben, der in einem typischen Hardboiled-Plot eine von der Oberfläche verschwundene Frau aufspüren soll. Doch sobald Hicks im fernen Osteuropa aufschlägt, überschlagen sich die Ereignisse, in denen ein geheimnisvolles U-Boot ebenso eine Rolle spielt wie explodierender Käse, eine erschreckend hässliche Lampe und Hitler vergötternde Swing-Musiker. Es wird gejagt, gedroht und geschossen, vor allem aber auch viel getanzt und noch mehr gesprochen. Pynchon erweist sich einmal mehr als Meister der vieldeutigen Hinweise auch auf das aktuelle politische Geschehen, lässt den Plot fast im Hintergrund wie entfesselt seinen Gang nehmen, während er an vorderster Front ein schillerndes Sprach-Feuerwerk zündet. Er verwischt damit jegliche Eindeutigkeit, sowohl hinsichtlich der Geschichte samt ihrer unzähligen Nebenstränge als auch der wie hingestreuten und selten nicht aufgesammelten Figuren. Das macht „Schattennummer“ zu einem äußerst vitalen, vieldeutigen Lesevergnügen jenseits aller literarischen Konventionen.