(Pulp Master, 340 S., Tb.)
Der Brite Paul Freeman hat als Korrespondent für
britische Magazine in Saudi-Arabien gearbeitet, war vorher aber auch Englischlehrer
im Sudan, Kuwait, Ägypten und in Simbabwe, so dass er eine große Expertise über
das Leben in Afrika und Saudi-Arabien erworben hat. Die kommt auch in seinem 2008
veröffentlichten Roman „Vice & Virtue“ zum Tragen, der zwei Jahre
später beim Berliner Pulp Master Verlag unter dem Titel „Laster und Tugend“
aufgelegt wurde und das Leben abseits der touristischen Attraktionen in
Saudi-Arabien beschreibt.
Als auf dem Parkplatz eines Shopping-Centers im
saudi-arabischen Al-Khobar eine Autobombe detoniert, wird nicht nur der
zerfetzte Körper des amerikanischen Ingenieurs Duncan McCready sichergestellt,
sondern auch Hochprozentiges und Zuckersäcke, die den Toten mit der
florierenden Schwarzbrennerei in Verbindung bringen. Alkohol ist in dem Land
mit 5000 „Prinzen“ nämlich ebenso verboten wie Pornografie, Drogen,
nicht-islamische religiöse Traktate und Druckerzeugnisse, die den Islam oder
Saudi-Arabien verunglimpfen. Der britische Reporter Peter Maddox vom Arabian
Chronicle taucht am Tatort ebenso auf wie sein Konkurrent Bentley Gorman von
der Kingdom Tribune. Im Gegensatz zu Maddox hat Gorman eine tiefe
Abneigung gegen den Lebensstil der Westler in Saudi-Arabien entwickelt, die er
für Rassisten hält. Maddox schaut sich in der Siedlung um, in der sich nur
wohlhabende Ausländer die unverschämt hohen Mieten leisten konnten und die bei
den konservativeren Saudis als wahres Sodom und Gomorrha betrachtet wurden. Für
Maddox geht es nun darum herauszufinden, ob der Mord an McCreary auf das Konto eines
anderen westlichen Alkoholschmugglers ging oder von Fundamentalisten ging. Sein
wohlmeinender Chefredakteur Sanju stellt Maddox den ebenfalls aus England
kommenden zugereisten Redakteur Barry Kennedy zur Seite, dem der altgediente
Redakteur erst einmal die gesellschaftlichen Regeln erklären muss. Doch dann geraten
sie bei ihren Recherchen in ein Hornissennest aus Korruption, Verrat und Gier…
„Khalid wollte, dass er tief schürfte. Jede hergestellte Verbindung zwischen McCreadys Tod und islamistischen Fundamentalisten würde die Regierung jedoch in eine peinliche Lage bringen. Schlimmer noch: Eine nachgewiesene Verbindung würde das bereits angespannte Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und seinen westlichen Verbündeten zusätzlich belasten. Maddox verweigerte sich dem Gedanken, dass man ihm den Schwarzen Peter dafür zuschieben könnte.“ (S. 58)
Paul Freeman („Die Legenden von Ophir“)
erweist sich in „Laster und Tugend“ als kundiger Kenner Saudi-Arabiens,
und zwar gerade auch der Lebenswelten, die den westlichen Touristen in der
Regel verschlossen bleiben. Sein britischer Protagonist Peter Maddox kennt
beide Welten und macht seinem neuen Kollegen bei einer Rundtour – und damit
auch den wahrscheinlich ebenso unkundigen Lesern – die Regeln und Gesetze in
dem fremden Land dar, in dem die Religionspolizei darüber wacht, dass gerade
die aus vielen Nationen kommenden Beduinen und Zugereisten die Regeln des Koran
einhalten, dass vor allem die Westler nicht über die Stränge schlagen. Es ist
ein Szenario, das Thriller-Plots à la Hollywood gar nicht so unähnlich ist,
außer dass die Maske des Glaubens alles zu verschleiern droht. Mit Peter Maddox
hat Freeman dazu einen herrlich subversiven, nicht unbedingt
sympathischen, aber authentisch wirkenden Protagonisten geschaffen, der sich
zwar mit den örtlichen Gegebenheiten arrangiert hat und auch ironische Spitzen
gegen Juroren der „Saudi Press Awards“ ablässt, aber auch unter Trennung von seiner
aus Simbabwe stammenden Frau Martina und der gemeinsamen Tochter Kerry zu
leiden hat. Der Roman spielt zwar im fernen Saudi-Arabien, verhandelt aber vor
exotischer Kulisse ganz ähnliche Themen wie in der westlichen Hemisphäre
spielenden Thriller. Das ist unterhaltsam und spannend geschrieben und eröffnet
dem Publikum eine erfrischend andere Perspektive auf Verbrechen und Korruption.
















